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Golz: „Beim HSV ist viel Politik im Spiel“

BLOG-TRIFFT-BALL sprach mit dem 44-Jährigen Richard Golz über seine Laufbahn, den möglichen Abstieg der HSV-Reserve, Rodolfo Cardoso und die Abschlussarbeit über Altona 93.

 

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Herr Golz, starten wir mal anders. Kürzlich haben wir Andreas Möller im Fernsehen gesehen und sind erschrocken: Der muss das Gegenmittel von Weight Watchers gefunden haben. Sie sind das krasse Gegenteil und total in Form.
Ja, ich bin recht froh, dass ich noch jeden Tag auf dem Platz stehe und aktiv bin. Das reicht zwar nicht um richtig fit zu sein, aber mein Zustand ist noch recht ordentlich. Allerdings erschrecke ich da manchmal auch, wie einige Ex-Kollegen heute aussehen.

Als gebürtiger Berliner haben Sie nie für Berliner Klubs gespielt. Traurig darüber?
Hertha BSC Berlin ist schon ein Verein, der mir besonders am Herzen lag. Ich war viel im Stadion und war richtig großer Fan. Ich habe mir sogar Trikots gebastelt und das Sparkassen-Zeichen drauf gemalt. Aber für die Hertha zu spielen, hat sich nie ergeben. Ich kann heute nicht sagen, dass es mir fehlt, aber schön wäre es schon gewesen. Andererseits kann ich mich über meine Karriere im Nachhinein wohl nicht beschweren.

Claus Reitmaier macht mit 49 den Torwartopa in der Oberliga Hamburg. Sie könnten den Traum noch nachleben und für Berlin spielen.
Es gibt Tage, da juckt es auch noch. Und es reizt, sich zu sagen: Da kann ich noch mitspielen, dafür trainiere ich nochmal. Dieser Henry-Maske-Effekt.

Dann los, Handschuhe an und wieder in die Kiste.
Nein, für mich kann ich es ausschließen. Zum einen weiß ich, dass ich den Aufwand nicht bewerkstelligen könnte, zum anderen, dass mein Körper es mir dankt, das Schluss ist. Ich stehe jeden Morgen auf und habe keine Beschwerden. Das ist nach 21 Jahren Profifußball echt viel wert. Das würde ich nicht auf’s Spiel setzen wollen.

Ab wann wussten Sie, dass Sie mit 49 Jahren nicht mehr zwischen den Pfosten stehen würden?
Als ich bei Altona 93 nach fünf Minuten mit einem Muskelbündelriss vom Platz musste. Da war ich bei Hannover und Ende der Saison ging es um die Qualifikation für die Regionalliga. Und ich war einer der Profis, der da mitspielen sollte um das Klassenziel zu erreichen. Da wusste ich zwar schon, dass ich nach der Saison aufhören werde, aber das war dann das endgültige Zeichen.

Dann kennen Sie das ja, wie es ist als Profi in die Zweite Mannschaft versetzt zu werden. Schildern Sie uns, was momentan in den HSV-Stars Kacar, Bruma und Co vorgeht, die ja zuletzt in Rehden in der Regionalliga Nord ranmussten.
Ich kann da nur für mich sprechen. Im ersten Moment dachte ich: Muss das jetzt sein? Zumal meine Zeit ja nur noch fünf Wochen ging. Mir taten irgendwo auch die jungen Torhüter leid, die die Ausbildung viel mehr brauchten als ich. Dann habe ich das erste Spiel gespielt und dachte: Mensch, bist Du denn bebrettert? Nimm‘ es doch als Aufgabe und helfe dem Verein beim Realisieren der Ziele.

Das ist professionell.
Du musst einfach auch mal die Perspektive wechseln. Klar ist das schwer, wenn du als Bundesliga- und Nationalspieler in der Zweiten spielen sollst. Aber, wenn es auch eine Phrase ist, hast du jedes Training und jedes Spiel die Möglichkeit weiter an deinen Problemzonen zu arbeiten. Problematisch ist es nur, wenn deine Eitelkeit dir im Weg steht.

Zu Ihrer Karriere. Freiburg, heile Welt. Ruhe. Dann nach acht Jahren geht’s über die Zwischenstation Hannover in die tosende Weltstadt Hamburg. Von der Ordnung ins … nennen wir es Chaos.
Es ist ein kompletter Kontrast. Das muss man schon sagen. In Freiburg gab es nur einen kleinen Kreis an Leuten, die Entscheidungen getroffen haben. Und ein Freiburger Vorteil ist sicherlich auch, dass sie einen möglichen Abstieg in jeder Kalkulation miteinberechnet haben.

Sie sind Freiburg-Fan?
Mir gefällt der Stil. Allein wenn man die finanziellen Mittel im Breisgau sieht, ist das schon wahnsinnig gut, was die Herren dort machen.

In Hamburg ist die Rotation in der Führungsebene eine Konstante. Ist der HSV überhaupt führbar?
Es ist schwer, wenn auf den Führungsplätzen viel gewechselt wird. Da kann sich einfach wenig entwickeln. Das haben wir im Nachwuchszentrum ja auch, das wir im Grunde jedes Jahr einen neuen Leiter haben. Da greift auch das tollste Konzept nicht, wenn du immer wieder neu startest. Nachhaltigen Erfolg zu bekommen ist so ziemlich unmöglich.

Wie tief liegen die Probleme?
Beim HSV ist immer viel Politik im Spiel. Aber als Angestellter ist es schwierig eine Meinung zu äußern.

Sie dürfen nichts sagen?
Ich sage, dass ich gewissen Entscheidungen oft nicht nachvollziehen kann.

Vor allem bei der U23 läuft’s nicht rund. Coach Cardoso spricht von Dummheiten und sieht mittlerweile dem Abstieg ins Gesicht. Was macht Ihnen Mut?
Die U23 war zuletzt immer eine Mannschaft die sich durch besondere Serien ausgezeichnet hat. In beide Richtungen allerdings. In der jetzigen Phase macht es sicher keinen Sinn auf die Tabelle zu schauen. Aber mit dem nächsten Sieg kann sich so eine Serie wieder entwickeln. Das ist momentan unsere einzige Hoffnung und Chance.

Der U23  des HSV steht etwa zehn Mal so viel Geld zu Verfügung wie dem SC Victoria. Dennoch sind die Unterschiede punktemäßig marginal.
Die genauen Zahlen kenne ich nicht. Fakt ist: Der Etat beim HSV ist sicher sehr ordentlich. Und dafür kommt defintiv zu wenig dabei heraus.

Können Sie ohne Phrasengeblähe sagen, was genau Hoffnung macht? Ist es ein möglicher Lizenzentzug anderer Teams, oder die eigene Qualität?
Ich glaube fest an die Mannschaft und ihre Mentalität. Das ist für die Jungs sehr schwer, wenn fünf, sechs Profis von oben kommen und sie dann nicht mal im Kader sind. Und im nächsten Spiel sollen sie die Kohlen aus dem Feuer holen. Ich finde es sensationell, wie sie damit umgehen. Du merkst ihnen im nächsten Training schon ihren Frust an und siehst, dass sie auch mal einen Hänger haben, aber sie schaffen es immer wieder dann voll motiviert zu sein. So wie die Stimmung derzeit ist: Alle fiebern mit, egal ob sie spielen oder nicht. Sie leben und sind dabei und wollen unbedingt die Kurve kriegen. Vielleicht fehlt uns derzeit nur so ein Rafa Kazior aus der Vergangenheit. Wenn die jungen Spieler einen erfahrenen an der Seite haben, merkt man, dass sie besser spielen.

Angenommen Sie kriegen die Kurve nicht und der Abstieg in die Oberliga Hamburg wird Realität. Wie groß wäre der Schaden?
Tja, wenn du jetzt einen Spieler mit Perspektive ansprichst und sagst ihm, dass er in der zweiten Mannschaft mit Anbindung an die Erste ist, hört sich das im ersten Moment gut an. Aber wenn du ihm dann auch sagen musst, dass er vielleicht an der Brucknerstraße spielen muss, dann fällt das schon schwer. Sonntag, 10.40 Uhr oder wann das ist.

Können sie sich vorstellen, dass Profis aus der Fink-Truppe dort auflaufen?
Klar, geht ja gar nicht anders.

Übrigens wird 10.45 Uhr an der Brucknerstraße gespielt. Aber das lernen Sie eventuell bald. Sie sagten mal, es gibt Trainer, da kann man nicht so viel mitnehmen. Zu welcher Sorte gehört Cardoso?
Ich finde, dass er ein wahnsinnig gutes Auge hat und Spiele lesen kann. Er erkennt schnell, wo was nicht passt. Das beeindruckt mich immer wieder. Man kann schon viel bei ihm mitnehmen.

Hat die Krise auch was Gutes?
Das weiß man immer erst nachher oder in fünf Jahren. Man sagt das immer so leicht. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was man davon halten soll. Mir wäre es lieber, wenn wir nächstes Jahr in der Regionalliga spielen.

Sie sind sympathisch, grinsen oft, wirken entspannt. Wird der kleine Richie in Ihnen auch mal sauer?
Werde ich, da mach‘ Dir keine Sorgen.

BLOG-TRIFFT-BALL ist Tacheles. Beispiele bitte.
Wenn Bälle nicht aufgepumpt oder dreckig sind. Es gibt immer Jungs, die dafür verantwortlich sind. Da gibt’s dann schon mal Feuer von mir. Und ungeputzte Schuhe gehen gar nicht.

Zu Ihrer Zukunft. Wie sieht die aus?
Momentan weiß ich nicht, was ab dem 1. Juli ist. Das ist alles offen bei uns im Verein. Ich habe deshalb ein Management-Studium gemacht um eine Option mehr zu haben.

Sie schließen es aus als Cheftrainer zu arbeiten.
Jein. Zumindest sehe ich mich nicht in der Bundesliga. Ich glaube, ich habe andere Qualitäten. Als ehemaliger Torwart hast du es auch schwer als Trainer. Spieler denken da schneller mal: Woher soll der das wissen. Der hat eh nur im Sechszehner gestanden. Und die Praxis zeigt auch, wie viele Torhüter als Trainer arbeiten.

Achim Hollerieht in Elmshorn. Sehr erfolgreich und bei den Spielern beliebt.
Dann nehmen wir noch Michel Preud’homme in Belgien und Walter Zenga in der Wüste irgendwo dazu, dann wird’s aber schon eng. Die kannst du an einer Hand abzählen. Also wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich lieber die Position bekleiden, die einen Trainer aussucht. Diese ganzen kleinen Rädchen im Hintergrund zu drehen, wo vielleicht keiner während des sportlichen Erfolges dran denkt, dass finde ich spannender.

Abschließend: Das Studium ist abgeschlossen. Sie haben über Altona 93 ihre Abschlussarbeit geschrieben.
Das ist richtig. Ich habe für den Verein eine Strategie entworfen, wie man erfolgreich durch die Zukunft gehen kann.

Welche Note ist zu erwarten und geben Sie Arbeit an den Verein weiter?
Die Abschlussarbeit war eine Eins, also müsste die Endnote auch in die Richtung gehen. Und ja, wir werden uns mal treffen.

Richard Golz, vielen Dank für das wirklich sehr angehneme Gespräch. Hat Spaß gemacht!

Harry Jurkschat

Seit Gründung mit auf dem brennenden BTB-Rasen. Im Gegensatz zu Semmler ist Jurkschat smart. Eine Mischung aus Mehmet Scholl und Günter Netzer. Der ewig 31-Jährige Insiderexperte harmoniert sich von Meppen bis Kiel, ist der Ausbügler und Staubsauger in der 2. Reihe. Dazu kommt aufgrund internationaler Fussball-Erfahrung (6 Länderspiele für Deutschland) Know-How im Wesentlichen. Manko: Bisweilen zu symphatisch und häufig mit den Sekretärinnen beschäftigt.