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Alexander Nouri

Alexander Nouri: Oldenburgs Alleinunterhalter

Jos Luhukay, Thomas Schaaf, Felix Magath, Pele Wollitz, Erich Rutemöller: Oldenburgs Trainer Alexander Nouri erlebte in seinen über zehn Jahren als Profifußballer etliche Größen und hat viel von den Ikonen gelernt. Seit einem halben Jahr chefcoacht er selber und hat dem Oldenburger in kürzester Zeit ein neues Fußballgefühl eingehaucht.

 

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Foto: hammoniaview.de

So schnell wie Alexander Nouris Homepage am vergangenen Mittwoch den Sprung an die Tabellenspitze in der Regionalliga Nord verkündete, so rasant verläuft der Aufstieg des 34-Jährigen. Erst seit einem guten halben Jahr steht der gebürtige Buxtehuder für das Regionalligateam des VfB Oldenburg an der Linie. Und nach geschafftem Klassenerhalt im Frühjahr wird im Herbst mal so richtig die Schulter geklopft: Der Oldenburger hat’s vollbracht, vom Team ohne Esprit stieg seine Mannschaft zum Spitzenreiter in der Regionalliga Nord auf. Arbeitsdauer: Wenige Monate.

Dabei war die Saison gar nicht so pompös geplant. „Wir wollen die Ziele nicht an Tabellenplätze festmachen, sondern wieder Begeisterung schaffen“, ließ Nouri in der Saisonvorbereitung in den lokalen Blättern und Websendern rund um Oldenburg verbreiten.

Und nun DAS!

Der VfB, zuletzt auch mal mit einem halben Zeh in der 5. Liga, steht nach 15 Spielen gemeinsam mit dem VfL Wolfsburg ganz oben. Für BLOG-TRIFFT-BALL-Experte Harry Jurkschat, der Nouris Team kürzlich sah, liegt das vor allem daran, dass der VfB weiß, was er nicht kann. „Die spielen nun nicht den traumhaften Kombinationsfußball“, fand Jurkschat nach dem 2:0 beim Hamburger SV, „aber sie spielen erwachsen, mit Fahrplan und Köpfchen.“

Mit klarem Verstand bastelte auch Nouri im Sommer an einem Team, dass mittlerweile wieder 1700 Zuschauer ins Stadion am Marschweg lockt – etwa 500 mehr als in der Vorsaison.

Wie das gelang? Nun …

… Nouri, auch mal in Amerika und bei Holstein Kiel als Fußballer aktiv, sammelte erstmal Torjäger Addy-Waku Menga ein und überzeugte ihn vom neuen Oldenburger Fußball-Style. Und mit dem ehemaligen Kabinenkollegen aus gemeinsamen Zeiten beim VfL Osnabrück wurde ein Volltreffer verpflichtet. Nouri erklärt den Wechsel: „Ich stand in den letzten Jahren immer in Kontakt mit Addy, und als ich davon erfuhr, dass er eventuell Richtung Oldenburg zu bewegen wäre, mussten wir ihn und seinen Berater Angelo Vier einfach von unserem Weg überzeugen.“

Ein Kinderspiel war die auf den ersten Blick mehr als überraschende Verpflichtung nicht, wie Nouri erklärt. „Für Addy war ja klar, dass der Wechsel zu uns gleichzeitig auch sein Abschied aus dem Profilager werden wird. So musste der Gedanke bei ihm erst eine Weile reifen, aber nach drei, vier Wochen waren wir uns dann einig. Und jetzt ist er auch happy.“

Das Ergebnis: Der Deutsch-Kongolese Menga („„Ich bin wegen Alex gekommen“, Osnabrücker Zeitung) holt nun seinen Realschulabschluss nach, strebt anschließend eine Ausbildung zum Erzieher an und wird, wenn alles normal verläuft, die Torjägerkanone nach Oldenburg holen. Dass er nach Siegen Helene Fischer in der Kabine anstimmt, hat man mittlerweile in Kauf genommen.

Es läuft halt …

Jedoch: „Wir sind keine Träumer und bleiben trotz der Tabellensituation total geerdet“, sagt der zweifache Familienvater Nouri (Kids sind 4 und 6…) in diesen Tagen. Häufig führt er dann noch an, dass die „hoch professionellen Strukturen“, wie sie viele beim VfB Oldenburg vermuten, „gar nicht vorhanden sind.“

Ein mehrköpfiges Trainerkompetenzteam, wie üblich in diesen Fußballgefilden, stehe ihm, dem Alleinunterhalter, nicht zu Verfügung. „Wir mussten den Etat vor der Saison um 30 Prozent runterfahren“, berichtet er. Mit 1,2 statt 1,7 Millionen muss der Fußballverein in der Basketballstadt nun auskommen. Aber Nouris Powerpoint-Pläne, die er im April 2013 vor seinem Amtsantritt den VfB-Verantwortlichen enthusiastisch präsentierte, gingen mit den Sparmaßnahmen des Vereins schnell konform. Er so: „Die Zeiten von Berufsfußballern waren und sind einfach vorbei. Ich wollte mit lernwilligen Spielern arbeiten, die für den VfB brennen und die Lust auf meinen Weg haben.“

Dass er ohne Co-Trainer arbeitet und die Aufgaben eines Sportlichen Leiters mehr oder weniger mit übernimmt, daran hat sich Nouri mittlerweile gewöhnt. Doch dem in Bremen lebenden schweben schon alsbaldige Veränderungen vor. „Ich habe klare Vorstellungen von der Arbeit in der nächsten Saison“, sagt er durchaus einfordernd und ergänzt: „Meine Pläne werde ich den Verantwortlichen darlegen und dann werde ich sehen, wie man damit umgeht.“

Nouri hat eben Lust auf größeren Fußball und macht im Gespräch mit BLOG-TRIFFT-BALL deutlich, dass er sich nicht vor einem Aufstieg in die Dritte Liga drücken würde. Eher das Gegenteil ist der Fall. „Es ist eine gewisse Euphorie zu spüren und einige Leute kommen wieder in den Sattel. Fakt ist: Bis zur Winterpause müssen wir uns positionieren, was die Aufstiegsambitionen betrifft.“ Aber seine Meinung ist unmissverständlich. „Wenn das Oldenburger Umfeld die Chance nicht wahrnehmen sollte, wäre das peinlich.“

Er selber geht entschlossen die eigene Zukunft an und hat für den kommenden Fußballlehrer-Lehrgang seine Bewerbungsmappe bereits abgeschickt.

Benny Semmler

Mecklenburger. Sportjournalist. Fußballblogger. Basketballfreund. Hamburger. Pfannekuchenfan. Fahrradfahrer. Wostokbrausetrinker. Padthailiebhaber. Bukowskifan. Jetzt bei FRISCHER FILM.