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Laubinger: „Heute würde ich beim HSV durchmarschieren“

Walter Laubinger ist 46 Jahre alt. Vor knapp 30 Jahren wechselte der 17-Jährige als Götze der Achtziger zum HSV. Er kam auf zehn Profi-Einsätze – den Durchbruch schaffte er nicht. Trotzdem gehört „Laube“, der mit Badelatschen und Trainingsanzug durch die Hamburger Discotheken steppte, zu den größten Fußballfiguren der Stadt. Wir sprachen mit ihm. Vor allem über damals.

 

Herr Laubinger, waren Sie auf der internationalen Gartenschau in Wilhelmsburg?
Ich weiß, eigentlich hätte ich mir das als Gärtner anschauen müssen. Aber ich hatte in der Familie einige Sorgen, da blieb keine Zeit für die Gartenschau. Normalerweise wäre das ein Pflichttermin gewesen.

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Dann lassen wir die Gartenarbeit und kommen zum Fußball. Sie hatten ja etwas mehr Talent als andere. Oder wollen Sie über Ihr verkorkstes Fußballleben gar nicht mehr reden?
Ich habe mich ja damit abgefunden. Es war zum Anfang sehr schwierig, aber mit der Geburt meiner Söhne hat sich in meinem Leben unheimlich viel getan. Ich bin Christ geworden und der Fußball war irgendwann nicht mehr so wichtig. Und so schlecht war die Zeit nicht.

Woher hatten Sie dieses unfassbare Talent? Man erzählt sich ja, sie haben Freistöße aus 25 Metern, egal mit welchem Fuß, fast blind in die Torwinkel gedroschen.
Unsere Familie war fußballbesessen. Mein Vater war ein guter Kicker, auch beidfüßig sehr stark. Mein Bruder war Jugend-Nationalspieler, vielleicht war der sogar noch besser als ich. Wir waren alle süchtig nach Fußball, wollten immer auf dem Platz stehen und die Dinger ins Netz hauen.

Leider kannte Ihr Ehrgeiz Grenzen. Zumindest sagen Ihnen Weggefährten das nach.
Ich hatte auch Pech.

Na klar. Und wie lief es wirklich?
Als ich mit 17, 18 zum HSV wechselte, war dort eine Team mit Weltklasse-Format. Da musste ich mich weit hinten anstellen und erstmal warten. Da waren Miroslaw Okonski, Felix Magath, Thomas von Heesen – die waren eingespielt. Das war nicht so wie heute, wo 19-Jährige sofort ihre Einsätze bekommen. Wenn ich heute beim HSV wäre, würde ich da durchmarschieren. Aber Happel wollte mich langsam aufbauen. Das Problem war nur: Ich war ja besser als die Alten. Ich hab‘ die Stars im Training ja weggeputzt.

Aber Sie hatten keine Geduld.
Ich war das nicht gewohnt. Ich war immer im Mittelpunkt, aber nicht auf der Bank. Damit bin ich nicht klargekommen. Und dann denkt man aber trotzdem, weil man ja beim HSV einen Profivertrag hat, man ist wer und kann sich mal einen schönen Abend leisten.

Zu den Nächten kommen wir noch. Kann man denn sagen, dass Sie zu faul waren und sich zu sehr auf Ihre Zauberei verlassen haben?
Überhaupt nicht. Die ersten zwei Jahre beim HSV habe ich richtig Gas gegeben, war läuferisch im Training immer der Beste. Da haben alle gesagt, dass ich eigentlich spielen muss. Aber wie gesagt: Die Namen beim HSV waren damals sehr groß.

So lief das Treffen mit Walter Laubinger

Chefblogger Benny Semmler und Walter Laubinger

Sie sind als Jungspund zu spät zum Training gekommen.
Das kamen andere auch. Nur wurde das verheimlicht, weil die Stammspieler waren. Ich kann mich erinnern, dass einige Spieler mal aus dem Taxi gefallen sind. Mit denen mussten wir dann zur Endo-Klinik und in der Presse stand, dass die Magendarm-Grippe hatten. Damit war das vom Tisch. Aber bei mir wurde immer geschrieben, dass der Hamburger Jung um die Häuser zieht. Keine Frage, ich habe viel gemacht. Aber nur die Hälfte von den Zeitungsgeschichten stimmen tatsächlich.

Was war Ihr größter Fehler?
Ich hätte Hamburg verlassen müssen – einfach raus aus dem bekannten Umfeld. So wie Effenberg. Das ist so im Nachhinein mein Problem gewesen.

Hatten Sie jemals andere Angebote?
Leverkusen wollte mich. Bremen und Bayern München auch. Das waren Granaten-Angebote.

Was haben die Bayern damals für Sie geboten?
Das weiß ich nicht. Das hat Papa alles gemacht.

Was haben Sie beim HSV verdient?
Müsste ich nachdenken.

Denken Sie nach …
… ja, der erste Vertrag war überragend. Ich war 17, bekam einen 6-Jahresvertrag und habe 6000 Mark im Monat verdient.

Und die wollten wieder ausgegeben werden.
Am Anfang eigentlich nicht so. Auf das Geld hat mein Vater aufgepasst. Erst als der Durchbruch beim HSV partout nicht gelingen wollte, habe ich mich für das Nachtleben interessiert. Ich glaube, erst mit 20 hatte ich das erste Mal eine Jeans an. Davor hatte ich ja immer nur Jogginganzüge an. Ich war wirklich ein Spätstarter und hatte mit Partys und so lange nichts am Hut. Doch dann habe ich irgendwann gemerkt, dass Frauen leicht zu haben waren und das Leben mehr zu bieten hatte als Fußball.

Wäre Sylvie eine für Walter Laubinger gewesen?
Absolut nicht. Ich kenne sie ja auch privat, habe im Stadion einige Male mit ihr gesprochen. Aber sie ist nicht mein Frauentyp – trotzdem unheimlich sympathisch. Ich mag dunkelhaarige Frauen mehr.

Gab es im Leben von Fußballstar Walter Laubinger einsame Momente?
Nein. Die gab es nicht. In den Jahren gab es nur Action. Als Profi bist du sowieso viel unterwegs und zeitweise wurde ich mit Boris Becker verglichen. Wir waren damals die aufgehenden Sportsterne, also was da los war, das war ja unglaublich. Ich konnte gar nicht atmen. Und die Presse hat mich regelrecht aufgefressen.

Ihre größten Spiele als Fußballer?
Das erste Spiel als Profi im Volksparkstadion vergisst man natürlich nie. Da saß Papa mit der Familie oben auf der Tribüne und ich steh‘ dann plötzlich unten und laufe für den HSV auf. Das war schon ein Erlebnis, das war ja immer unser Ziel und dann hat es mich echt umgehauen. Als Jugend-Nationalspieler habe ich mal im Bernabeu in Madrid gespielt. Das war auch überragend damals.

Auch nicht schlecht: In Glashütte sollen Sie dem Vereinswirt 500 Mark dafür geboten, dass er das Lokal nicht schließt. Ist das richtig?
Ja, das kommt hin. Wir waren so gemütlich am Karten spielen. Da war mir das ein paar Mark wert.

Und an einem Hotelpool auf Mallorca haben Sie aus Langeweile reihenweise 5-Mark-Stücke ins Wasser geschnipst, die später von Familienvätern heraus getaucht wurden.
Ja, das kann sein. Genau erinnere ich mich nicht mehr. Aber denkbar ist das.

Fehlen Ihnen diese ganz verrückten Fußballgeschichten manchmal?
Nein. Absolut nicht mehr.

Und: Meiden Sie die Hamburger Fußballszene bewusst? Man sieht Sie ja wirklich sehr selten beziehungsweise nie.
Für mich sind andere Dinge wichtiger. Alkohol ist nicht mehr meine Welt, schon lange nicht mehr. Ich singe jetzt in einem christlichen Chor, stehe da zwar in der letzten Reihe, aber das ist gut so. Ich brauche nicht mehr im Mittelpunkt stehen.

Benny Semmler

Papa, Blogger, Mitgründer FRISCHER FILM, Seniorenspieler USC Paloma, Mitglied UnterstützerClub des FC St. Pauli, Towers-Fan und Gotnexxt.de-Follower.