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Ole Hengelbrock in Sierra Leone

Foto: Cap Anamur

„Oporto“ – „Oporto“… wie Schatten huschen die Rufe meinen Schritten nach. Sie grüßen mich mit Worten die meine auffallend blasse Hautfarbe als weißer Mann beschreiben. Über Rinnsale von Palmöl, Regenwasser und Urin streife ich durch schulterbreite Gassen. Die Vertikale blendet grau regnerisch. Die Horizontale beschränkt sich tunnelblickend. Blechhütten quetschen sich ungeordnet aneinander. Die Wege scheinen sich zu verirren. Vorbei an hölzernen Marktständen stolpere ich auf unverständlichen Umwegen in die Hagan Street. Die Menschenmenge staut mehr, als dass der Straßenfluss voran schwappt. Willkommen in Sierra Leone; genauer gesagt in Freetown, Susans Bay, dem größten Slum der Stadt.

Auch in die letzte Pfütze tretend erreiche ich die Hausnummer 2. Hier türmt sich ein vierstöckiges Gebäude in den Himmel. Gelblich verputzt trotzt es dem provokanten Atlantikwind. Ein Banner flattert gegen die Hauswand. Unter der bunten Aufschrift Pikin Paddy laden Wörter wie Toleranz, Akzeptanz und Ehrlichkeit ein. Der Term Pikin Paddy kommt aus dem Kreolischen und bedeutet „Freund der Kinder“. Er stellt nicht bloß eine Bezeichnung dar, sondern impliziert eine Weisung: Sich für Schutzbedürftige einzusetzen. Im Eingangsbereich des Hauses wird man von Wandmalereien begrüßt. Kindergebrüll und Löwengeheul aus höheren Stockwerken klingen im Herzen synthetischer als der mit Matsch und Abgas unterstrichene Straßenlärm. Ich renne dem Treppenhausschall entgegen und finde mich in einer Traube Kinder wieder.

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Seit August 2012 übernimmt Cap Anamur mit einem Straßenkinderprojekt den Auftrag, den die Weisung Pikin Paddy innehat. Wir haben uns jenen Kindern verschrieben die gezwungen sind auf den Straßen Freetowns zu (über)leben. Die einheimischen Sozialarbeiter sind seit dem ersten Tag dabei. Sie sind die guten Seelen des Projekts. Ihr zurückhaltendes Lächeln skizziert zwar Ernüchterung, doch schwebt es über den Boden der Tatsachen und strahlt jene Hoffnung aus, an die ich so fest glaube. Die Kinder im Center freuen sich über weiße Gesichter mit jener puren Authentizität, die man in den deutschen Breitengeraden oft auf spöttischer Weise mit Naivität abtut. Hier lachen sie aus Rohheit, Freude, gar Unschuld. Diese Kids haben ihr Elternhaus nicht freiwillig verlassen; kein Kind tut das. Es ist nicht ihre Intention die Wurzeln zu verlassen. Kinder werden dazu aus unterschiedlichsten Gründen gezwungen. In Sierra Leone spielen Gewalt und Armut eine universelle Rolle, aber auch Leichtsinn und Missverständnisse kommen als Ursachen vor. Manche fliehen von Daheim, andere werden verbannt. Egal auf welchem Wege ein Kind auf der Straße landet: Das Verlassen des Elternhauses ist eine Aggression gegen die eigene schutzbedürftige Natur. Hinter diesem aggressiven Verhalten steckt ein Bedürfnis nach Sicherheit. Aus diesem entspringt das Mandat sowie der Name des Straßenkinderprojekts: Pikin Paddy.

Nachts streifen wir durch die Gassen und halten Ausschau nach verlorengegangen Seelen. Wir übersteigen Marktstände und schieben Schweine beiseite, um die Schlafplätze der Kids zu finden. Ist einer der Buben bereit die Straße zu verlassen, laden wir ihn ins Pikin Paddy ein. Die Eigenmotivation der Kinder ist grundlegend für unsere Sozialarbeit. Von innen her muss der Wunsch deutlich sein, zu der Familie zurückkehren zu wollen. Dann bringen wir alle möglichen Ressourcen auf, um im Konflikt zwischen Familie und Kind zu mediieren, also eine aussöhnende Vermittlung. So kann das Kind in ein möglichst versöhntes familiäres Umfeld zurückkehren. Doch zunächst nehmen sie am Alltag im Center teil. Die Angst etwas falsch zu machen schnürt ihren verbalen Ausdrucksdrang zu Beginn ein. Doch alle von ihnen wissen Fäuste zu Ballen und zügig zu essen. Nach ein paar Tagen verstehen die Kids Krach zu machen. Dann füllen sich die alten Mauern des Centers mit Leben. Das (Über)leben auf der Straße forderte einen primitiven Selbstschutz. Doch die Meisten schaffen es ihre innewohnende Naivität wiederzuentdecken. Nach einer kurzen Weile blühen die Kinder sichtbar, hörbar und spürbar auf. Die Obhut des Pikin Paddys schafft eine Art Frühlingserwachen inmitten der drückenden Tageshitze. Doch inmitten des Werdens plötzlich ein Donnerschlag. Schläge. Tritte. Zwei Jungs sind aneinandergeraten. Was der Grund für die Schlägerei war und was genau vorgefallen ist verkriecht sich hinter dem aufgebrachten Palaver. Beschuldigungen fliegen umher wie zuvor die Fäuste. Ich sehe zwei weinende Kids ohne Tränen in den Augen, die sich brutaler zu schlagen wissen als so mancher erwachsener Mann. Ein aufgeplatztes Gesicht. Eine mit Blut befleckte Faust. Es ist Jacks Hand. Ich weiß noch immer nicht was den Konflikt ausgelöst hat, doch spüre was nun nötig ist. Irgendwas zwischen Sorge und Überlegenheit, Liebe und Autorität. Ich stoße Jack an den Hinterkopf: „We de go!“

Jack ist schon seit einiger Zeit bei uns. Eigentlich dürfte er sich den Regeln angepasst und der Obhut anvertraut haben. Doch täglich gibt es Beschwerden: „This boy is so troublesome, he likes to fight!“ An guten Tagen enden seine Provokationen in verbalen Auseinandersetzungen. Es genügt jedoch eine Kleinigkeit, um ihn angreifbar zu mach. Dann schlägt er zu. Wenn ihn die Wut und die Verlorenheit aus den letzten drei Jahren Straßenleben überkommen, wehrt er sich gegen alle die mit oder gegen ihn sind, gegen alles was er liebt oder hasst. So ist Jack eine Gefahr für die anderen Kinder sowie für die sozialpädagogische Arbeit mit ihnen. Nach mehreren Eskalation hätten wir ihn längst rausschmeißen müssen. Wer noch nicht bereit ist das Verhalten, das er auf der Straße adaptieren musste abzulegen und familiäre Strukturen wiederzuentdecken, passt nicht in unser Projektprofil. Jack scheint diese Motivation nicht zu verkörpern. Im Gegenteil, er reagiert mit Kälte auf Wärme, mit Distanz auf Nähe.

Ich weiß nicht, ob Jack zurück auf die Straße geht. Es mag sein, dass er das Pikin Paddy Morgen verlassen wird; vielleicht sogar verlassen muss. In Wahrheit ist es wahrscheinlich. Sein familiäres Umfeld und die drei Jahre auf der Straße haben ihn so tiefsitzend erschrocken, dass er das Vertrauen in seine Nächsten für Zeiten weggeschlossen hat. Er wird denken, dass er sich weiterhin alleine durchbluten muss. Aber noch ist er mit mir hier oben auf dem Dach. Noch scheint er etwas Trost im Sonnenuntergang zu finden. Noch gibt es die „Freunde der Kinder“ und somit die Möglichkeit ihm und all den anderen Vertrauen und Unterstützung anzubieten. Noch sind wir radikal, unvoreingenommen und berufen genug dazu. Noch spielen wir jeden Nachmittag unbefangen Fußball und versuchen dabei die Grundsätze des Lebens zu lernen; wie z.B. der Lohn des Schweißes, Kritikfähigkeit, Resilienz, Selbstwertgefühl, Umgang mit Niederlagen, Tränen, Hoffnung, Mut, Herz.. Noch ist es nicht das Ende unserer Mühen, nicht das Ender der Geschichte. Denn wir sind uns gewiss: „Am Ende ist alles gut, wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.“  (Oscar Wilde)

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Cap Anamur / Deutsche Not-Ärzte e.V.
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Benny Semmler

Papa, Blogger, Mitgründer FRISCHER FILM, Seniorenspieler USC Paloma, Mitglied UnterstützerClub des FC St. Pauli, Towers-Fan und Gotnexxt.de-Follower.