Top

Das große Gespräch mit Hansa-Chef Michael Dahlmann

Eine aufreibende Saison liegt hinter dem FC Hansa Rostock. Grund genug, um sich mit Hansa-Vereinschef Michael Dahlmann noch einmal ausführlich zu unterhalten. Wir sprachen über Peter Vollmann, die Bergmann-Entlassung, finanzielle Perspektiven und einem möglichen Neustrelitz-Aufstieg.

 

Imagefilme für Rostock und Mecklenburg-Vorpommern

Hallo Herr Dahlmann, eine Saison, die so viele positive, zum Ende aber vor allem negative Facetten bot, liegt hinter uns. Können Sie trotzdem ein positives Resümee ziehen?
Über den sportlichen Verlauf der Rückrunde bin ich sehr enttäuscht. Wenn man bedenkt, wo wir am Ende der Hinrunde standen und wo wir letztendlich eingelaufen sind, dazu noch nicht einmal ein Heimspiel gewonnen haben, ist das schon sehr ernüchternd. Es hat sich jedoch anderseits sehr viel im Verein in die richtige Richtung entwickelt. Es sei nur an den Schuldenschnitt gedacht, der dem Verein eine langfristige Überlebensperspektive bietet und uns die sensationelle Chance verleiht, ein Fundament für die Zukunft zu errichten.

Sie sprechen im Zusammenhang mit dem Schuldenschnitt von sensationell. Das klingt ja fast so, als ob das in der Form gar nicht so erwartet wurde.
Es kam nicht völlig überraschend,  da wir ja wussten, dass wir unsere Hausaufgaben verlässlich erledigt hatten. Es ist nur nicht selbstverständlich, wenn  man bedenkt, wie lang der Weg dahin war und das es nun vollbracht ist. Das muss erst einmal richtig realisiert werden. Dazu ist es natürlich ein tolles Signal für uns alle, dass alle Partner mit unserem Sanierungskonzept konform gehen und an die Chance der Konsolidierung glauben.

Als Andreas Bergmann Anfang April entlassen wurde, habe ich mich gefragt, inwieweit der bereits damals kolportierte Schuldenschnitt mit der Entlassung zusammenfällt. Wäre der finanziell schwerwiegende Schritt auch gewagt worden, wenn ein Schuldenschnitt nicht absehbar gewesen wäre?
Die sportlichen Leistungen hatten ja nicht nur Folgen auf das tabellarische Bild, sondern hatten auch gravierende finanzielle Nachwirkungen mitsichgebracht. Der Zuschauerschnitt fiel im Vergleich zur Rückrunde beträchtlich. Da wir uns keine längere sportliche Talfahrt mehr leisten konnten, erachteten wir diesen Schritt  – nicht nur aus sportlichen Motiven –  als notwendig. Der Schuldenschnitt hatte damit rein gar nichts zu tun.

Wieso musste Andres Reinke eigentlich mitgehen? Einen zweifachen deutschen Meister, der dazu noch im Land verwurzelt ist und eine Identifikationsfigur darstellen könnte, sieht man selten in einer Funktion auf der Hansa-Kogge.
Andreas Reinke ist ohne Frage ein überragender Typ. Allerdings sprachen gegen seine Weiterbeschäftigung sowohl das enge Verhältnis, das zwischen ihm und Andreas Bergmann vorherrschte, als auch die nicht zufriedenstellende Entwicklung auf der Torhüterposition. Deshalb war die Entlassung des Trainerduos unseres Erachtens nach die logische Konsequenz.

Sprechen wir über den neuen Trainer. Über die Personalie Peter Vollmann herrschte ja bekanntlich keine Einigkeit im Vorstand. Wie muss man sich den Entscheidungsprozess vorstellen.
Es ist kein Geheimnis, dass Uwe Vester auch andere Trainerkandidaten im Kopf hatte – das ist auch legitim. Allerdings wurde in der gemeinsamen Entscheidungsfindung –  in die er natürlich involviert war –  schnell klar, welchen Trainertypen wir in unserer Situation brauchen. Es wurde also nichts hinter seinem Rücken eingefädelt, sondern es gab immer die direkte Kommunikation zwischen Vorstand und Aufsichtsrat. Ich möchte betonen, dass die Entscheidung für den Verein und nicht gegen eine Person getroffen wurde.

Wieso haben Sie sich für Peter Vollmann denn so stark gemacht? Ein Zerwürfnis des Vorstands hätte ja die Folge sein können.
Peter Vollmann ist für uns die sicherste Lösung. Wir können und wollen uns sowohl sportlich aber auch finanziell einfach keine Experimente mehr erlauben, auch wenn die Optionen von Uwe Vester durchaus interessant waren. Das Problem ist nur, dass wir nicht wissen, wie diese Trainer in Rostock vor Ort tatsächlich arbeiten. Peter Vollmann kennt hingegen das Umfeld bestens, weiß wie die Mechanismen im Verein ablaufen und bräuchte keine große Eingewöhnungszeit. Er hat bei allen seinen Stationen den Beweis dafür erbracht, erfolgreich trainieren zu können, insbesondere hier in Rostock. Seine Erfahrung in der 3. Liga und 2. Bundesliga rundet das zu unserem Profil perfekt passende Bild ab.

Wird Uwe Vester trotzdem am Bord bleiben?
Er hat ja auch entsprechende Medienberichte dementiert und ich gehe somit fest von seinem Verbleib im Vorstand aus. Wir haben immer vertrauensvoll zusammengearbeitet und nur weil innerhalb von Vorstand und natürlich auch dem Aufsichtsrat einmal nicht einer Meinung ist, heißt das ja nicht, dass man sich grundsätzlich uneinig ist.

Um ein wenig auf die finanziellen Themen umzusatteln. Im Internet ist von einem Zuschauerschnitt von gut 9900 Zuschauern zu lesen. Das ist jetzt nicht allzu überragend, vor allem wenn die Nixzahler dazugerechnet werden. Ist das Konzept der Freikarten für unter 14-Jährige dennoch aufgegangen?
Ich bin fest davon überzeugt, dass dieses Konzept voll aufgegangen ist. Im Schnitt kommen 1000 „Nixzahler“ zu den Spielen und ich bin mir relativ sicher, dass nur ein verschwindend kleiner Teil dieser Kinder ohne erwachsene Begleitung ins Stadion geht. Damit erfüllen wir unsere soziale Verantwortung, da uns durch die Ticketpreiserhöhung  um drei Euro bewusst war, dass ein Stadionbesuch für eine vierköpfige Familie ganz schön ins Geld gehen wird. Wir wollen ja gerade auch für junge Familien attraktiv sein.Das ist uns gelungen, was in dem Maße gar nicht von uns erwartet worden war. Deshalb wird die Nixzahler-Aktion auch in der kommenden Saison definitiv fortgeführt.

Ist das aber überhaupt ein Plusgeschäft? Ich kann mir nämlich schon vorstellen, dass im letzten Jahr noch einige der Nixzahler zahlende Stadionbesucher waren.
Natürlich ist das ein Plusgeschäft. Durch die  Preiserhöhung für die Vollzahler-Karten kommt ja deutlich mehr Geld in die Kassen. Deshalb haben wir die Möglichkeit ergriffen, einen sozialen Ausgleich zu schaffen, der besonders den Familien zu Gute kommt.

Durch den Abstieg von Cottbus und Dresden wird es künftig einige brisante Duelle mehr geben. Freuen Sie sich auf viele prestigeträchtige Partien oder ist die Sorge vor dem Konfliktpotenzial größer?
In aller erster Linie freuen wir uns auf gut besuchte und spannende Derbys. Natürlich sind wir nicht naiv. Aufgrund der Erfahrungen der Vergangenheit muss man sich natürlich mit den Sicherheitsthemen frühzeitig beschäftigen. Gewalt unter Fußballfans ist keine exklusive Hansa-Angelegenheit, das ist auch kein Ost-West-Thema, sondern ein bundesweites Problem. Natürlich stellen wir uns der Problemlage offensiv, dafür braucht man aber einen langen Atem und viele Partner. Wir setzen viel Kraft in präventive Maßnahmen und Programme, die auch Wirkung zeigen.

Welche Auswirkungen hatten die Ereignisse gegen RB Leipzig auf die künftige Kommunikation mit den Fans?
Wir haben ja in der Fanarbeit mittlerweile ein ganz anderes Niveau erreicht, welches vor allem auf der Kommunikation mit den Fans beruht. Gleichwohl haben die Ereignisse gegen RB Leipzig gezeigt, dass es noch nicht ohne Sanktionen geht. Diesen Weg werden wir auch konsequent fortführen – das heißt: Die Kommunikation mit den Fans und die präventive Arbeit im Vorfeld, im Fall der Fälle ergänzend mit rigorosen Sanktionierungen.

Es waren ja gegen Leipzig keine 2500 Zuschauer, die Menschen angegriffen haben, sondern ein relativ kleiner Kreis von Vermummten. Wenn ein Verhältnis zur Fanszene gegeben ist, wieso werden da nicht die Täter von den friedlichen Supportern aussondiert? Der Dialog zwischen Verein und der Anhängerschaft ist ja da.
Täter zu identifizieren, hört sich deutlich leichter an, als es  tatsächlich ist. Ein Sonderdezernat für Fußballdelikte in Rostock benötigt trotz intensivster Arbeit Monate, um einen Täter zu identifizieren. Einmal wurde ein Gewalttäter zum Beispiel erst anhand seiner Zahnstellung überführt. Dann kann man doch nicht verlangen, dass ein Verein diese Ermittlungsarbeit übernimmt, dafür sind die entsprechenden Behörden zuständig, die wir sicherlich mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln dabei unterstützen.So werden wir unter anderem zukünftig auf HD-Technik bei der Videoüberwachung setzen und die Bilder gemeinsam auswerten.

Wenn die ausgerufene Prämisse „Alles für den FC Hansa“ ihre Gültigkeit besitzt, dann müssten doch die stimmungstechnisch herausragenden Supporter daran interessiert sein, die kriminell Verirrten aus dem Stadion zu drängen indem sie bei der Täterermittlung unterstützend agieren.
Es ist natürlich ein großes Ziel von uns, dass die zu großen Teilen herausragende Anhängerschaft die schwarzen Schafe selber aussortiert. Das wird ja immer gerne als Selbstreinigungsprozess bezeichnet und ich bin guter Dinge, dass dieser bereits eingeleitet wurde. Dass die Fanszene sich so direkt von diesen Ereignissen distanziert hat war ein Novum, welches wir begrüßen. Egal wie schmerzhaft dieser Nachmittag für uns war,  die Einsicht der Fanszene Rostock e.V. und die Akzeptanz der Sanktionen waren ein Schritt in die richtige Richtung.

Kommen wir zum Abschluss zu einem ganz anderen Thema. Es naht regionale Konkurrenz in Form der TSG Neustrelitz. Drücken Sie die Daumen oder würde die TSG eventuell sogar die Sponsorenakquise erschweren?
Wir haben keine Befürchtungen und Bedenken dahingehend, dass ein Aufstieg der TSG uns finanziell belasten würde. Im Gegenteil, ich glaube es würde richtig schöne Lokalderbys geben, die für jeden Fußballfan in Mecklenburg-Vorpommern interessant werden dürften. Wir wünschen Neustrelitz alles Gute für die Zukunft, damit bald einem zweiten Klub aus der Region der Sprung in den Profifußball gelingt. Ich sehe das ein wenig anders als Herr Runge. Andere Klubs aus der Ferne zu diffamieren,  ist nicht unser Stil.

Imagefilme für Rostock und Mecklenburg-Vorpommern

Sie meinen bestimmt die Aussagen über Rostock als möglichen Standort für die Austragung der ersten TSG-Heimspiele im Falle des Drittligaaufstiegs.
Ja, darüber habe ich mich wirklich sehr geärgert. Es ist gelinde gesagt eine Frechheit, zu behaupten, dass die TSG den Gewalttätern in Rostock keine Bühne geben möchte. Eine ziemlich unreflektierte und undifferenzierte Äußerung. Mehr möchte ich dazu aber nicht sagen.Wir hätten es begrüßt, wenn die TSG – im Falle eines Aufstieges –  in Rostock statt in Berlin spielen würde. Nicht nur, weil es finanzielle Vorteile durch die Stadionmiete für uns gebracht hätte, sondern weil es für den Fußball in Mecklenburg die beste Lösung gewesen wäre. In München und Stuttgart funktioniert das ja auch.

Herr Dahlmann, zum Abschluss eine zusammenfassende Frage: Werden Sie das Amt des Vorstandsvorsitzenden weiterhin hauptsächlich finanziell definieren, oder wird sich Ihr sportlicher Einfluss eher noch erhöhen.
Ich sage  immer: Schuster bleib‘ deinen Leisten. Ich besitze vollstes Vertrauen zu Uwe Vester und Peter Vollmann und werde mich somit vor allem auf die finanzielle Arbeit konzentrieren. Die, wie wir wissen, ja sehr mit der sportlichen Entwicklung verbunden ist. Fußball ist und bleibt unser Kerngeschäft.

Vielen Dank fürs Gespräch.

» Thomas Gansauge im Interview
» Oliver Neuville im Interview

Hannes Hilbrecht

Hannes Hilbrecht schreibt und schrieb nebenbei für ZEIT ONLINE, NDR.de und den Berliner Tagesspiegel. Füllt ein Marketing-Magazin mit Liebe (GrowSmarter.de) Und er liest eine spannende Case Story genauso gerne wie den neuen Roman von Ralf Rothmann.