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Oke Goettlich

Der Mann mit dem Underground-Colt

Es ist eine Palastrevolution, die dem FC St. Pauli bevorsteht. Am Sonntag soll der Musikunternehmer Oke Göttlich – einziger Kandidat – in den Chef-Sessel der Braun-Weißen gehievt werden. Während die alten Vorstände einen wirtschaftlich flotten, aber zunehmend sterilen Klub hinterlassen, soll Göttlich den Spagat zwischen Kommerz und Subkultur hinbekommen.

Text: Martin Sonnleitner
Foto: Stefan Groenveld
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Wer Oke Göttlich noch als Redakteur der linken Tageszeitung taz vor Augen hat, denkt an einen wendigen, alerten Sportjournalisten. Kein Wunder, Göttlich, heute 38 Jahre, tanzte damals, vor zehn Jahren schon auf vielen Hochzeiten. Kein Tausendsassa oder bunter Hund, Göttlich bestach durch zielgenaues Arbeiten und zog viele Strippen zu einer gut geformten Einheit zusammen. 1999 hatte er bereits ein Musik-Label gegründet und war später Chefredakteur bei einem Kultur-Magazin gewesen, bevor er im Jahr 2004 finetunes mit ins Leben rief. Die Digital-Plattform hat bereits eine Millionensumme an Independent-Musiker ausgeschüttet. Zurücklehnen? Nichts für den diplomierten Sportwissenschaftler. Göttlich wird am Sonntag zum neuen Präsidenten des FC St. Pauli gewählt.

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Heute trägt Göttlich einen dieser modischen Kurzhaar-Scheitel, die besonders zu sportlichen Hemden so unwiderstehlich aussehen und wie sie in den gentrifizierten Hotspots der Großstädte, wie auch St. Pauli einer ist, angesagt sind. Göttlich hält sich mit Statements zurück, zuviel ist geredet und geschrieben worden in den vergangenen Monaten. Vor allem vom und über das alte Präsidium um den scheidenden Stefan Orth. Dieser hatte es sehr persönlich genommen, als der Aufsichtsrat mit einem großen Knall ihm und seinen Vorstandskollegen Anfang Juli für die Zukunft die schmucken, schweren Glastüren der modernen Millerntor-Arena vor der Nase zuschlugen. Rumms! Der Verein wolle nun ein linksalternatives Präsidium, so die lapidare Erklärung. Die Wirtschaftskapitäne, die den alten braun-weißen Kahn wieder flott gekriegt haben, müssen abdanken. Da hilft es nicht, dass sie vor drei Wochen erst abermals einen Millionen-Gewinn kommunizieren konnten, das neue Stadion fast fertiggebaut ist und ein schmuckes Trainingsgelände aus dem Boden gestampft wurde.

DNA, Gigantismus und kreative Quellen

Der Gen-Code, die berüchtigte DNA des Stadteilvereins mit seiner revolutionären Basis, sei in Gefahr. Seit März hatte es Gespräche mit Göttlich gegeben. Sontag nun soll er auf der Jahreshauptversammlung mit seinem neuen Team gewählt werden. Formsache, denn Göttlich ist einziger Kandidat. Als Königsmörder wolle er nicht gelten, betont er ob der zahlreichen Animositäten und verletzten Eitelkeiten, die vom alten Präsidium ausgehen.

„Das ist kein persönlicher Putsch und keine Revolution“, sagt Göttlich.

Doch sehr wohl kann von einer Palastrevolution bei den Kiezkickern gesprochen werden.

Was prädestiniert Göttlich, und was ist heute noch links? Diese Fragen umwehen gerade das Millerntor. Der Musikindustrie wurde durch die Umsonstkultur des Internet fast der Garaus bereitet. Online-Giganten wie Apple, Youtube und Amazon grasen den Markt ab, nur die großen Major-Label wie Sony oder Universal können noch mithalten. Es ist ein seelenloser Ausverkauf kreativ inspirierter Ware. Doch Göttlich jammerte nicht und preschte mit finetunes genau in diese Lücke. „Wir setzen uns für die Rechte kleiner und mittelständischer Unternehmen im Musikbereich ein“, erklärt Göttlich relativ bürokratisch. Die digitale Plattform, die erste europaweit dieser Art, lizensiert Musik und verkauft sie an das am höchsten bietende Musikunternehmen im Netz weiter. „Es geht um Inhalte“, insistiert Göttlich, Profiteure sind vor allem Indie-Labels und aufstrebende Künstler, die bei diesen unter Vertrag stehen. Sie sind das Salz in der Suppe, der kreative Unterbau, der Musik als Milliardengeschäft in seiner kulturellen Bedeutung und Substanz erst ermöglicht. Göttlich: „Wir kämpfen um unabhängige Marktbedingungen.“ Lohn der Mühe: Ein knapp zweistelliger Millionen-Umsatz.

Kiezkultur zwischen Kunst und Kommerz

Göttlich soll nun, so entschied es der Aufsichtsrat, genau diese Synthese zwischen Kunst und Kommerz, beseelter Tradition und modernem Profi-Management, authentischer Kiezkultur und TV-getriebenem Fußball-Ausverkauf dem FC St. Pauli einpflanzen. Eine Heidenaufgabe, der sich der Familienvater da stellt. Es ginge ihm in seinem neuen Job, den er ehrenamtlich ausüben soll, auch um den „Werterhalt von Kultur und Fankultur“, und darum, wie dieser spezielle Verein in einem „marktgetriebenen Umfeld agieren“ könne.

Doch nicht nur das finanzielle Volumen des momentan sportlich im Tabellenkeller der Zweiten Liga rumdümpelnden Traditionsklubs ist hoch. Im Kern geht es seit Jahren in einem unterschwellig extrem schwelenden Konflikt, in den natürlich auch das scheidende Präsidium verwickelt ist, um nicht weniger als die Seele des Vereins. Das Stadion ist zwar ein Schmuckkästchen, stilistisch mit alter englischer Prägung, doch teure VIP-Logen und Modefans, die der Verteuerung des alten Arbeiterreviers geschuldet sind, sowie die Vertreibung alten Klientels, haben ihre Spuren hinterlassen. Punks, Freaks und autonome Lederjackenträger sieht man kaum mehr. „Antifaschistische Arbeit und viele politische Aktionen an der Basis finden aber immer noch statt“, sagt FC-Sicherheitschef Sven Brux, der seit über 20 Jahren hier in unterschiedlichen Positionen arbeitet und den Verein wie kein Zweiter kennt. Die Ultras – mit ihrer präpotenten Art ebenfalls von vielen an der Basis als zu radikal abgestempelt – tragen heute Carhartt-Jacken mit Kapuze.

Der Verein ist heute zwar immer noch links zu verorten, in diesem Sinne aber ein diffuses Geflecht, da auch der angepassteste Latte-Macchiato-Trinker für nachhaltige Produkte plädiert. In Zeiten, in denen der Anti-Rassismus den letzten Spukwinkel der Fußball-Arenen erreicht hat und politisch Common Sense ist, ringen die Revoluzzer von einst um ihre Identität.

Oke Göttlich, der smarte, blonde, glattrasierte Mann mit dem sympathischen Lächeln und dem messerscharfen Blick, soll diesen schwierigen Spagat zwischen Puffmeile, Domvergnügen und Feldstraßen-Bunker hinbekommen.

Martin Sonnleitner

Sonnleitner ist seit 38 Jahren mit dem HSV verbunden, seit zwölf Jahren Rothosen-Reporter. Versucht mit Inbrunst zu trennen zwischen Herzblut und Expertise. Lieblingsspieler: Peter Nogly und Schorsch Volkert. Abstrahiert auch gerne mal den Fußball-Boulevard.