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„Die Dritte Liga wäre super“

Er macht das alles nun schon seit vier Jahren mit beim HSV. All die Auf’s und Ab’s, das Kommen und Gehen, die eine Reform nach der nächsten. Ähnlich überraschend kam seine Beförderung: Der 37-jährige Daniel Petrowsky ist seit ein paar Wochen der sportliche Chefansager der U23. Und darf das zumindest bis Sommer 2015 auch bleiben. Dann übernimmt der gebürtige Berliner die U19. Wir sprachen mit Petrowsky über wirklich alles, was beim HSV derzeit Thema ist.

Foto: noveski.com

Tja, Herr Petrowsky. Da sitzen wir nun und lernen uns kennen. Wir sind immer noch BLOG-TRIFFT-BALL und Sie auf einmal Trainer der U23 des HSV. Selbst überrascht gewesen bei dem persönlichen Upgrade?
Das war eine Situation, mit der ich nicht gerechnet habe. Als klar war, dass Joe Zinnbauer Bundesliga-Trainer wird, wurde ich in die Arena bestellt und wusste nicht, worum es geht. Ich dachte, ich solle vielleicht ein paar Wochen aushelfen. Dann wurde mir ohne ein spezielles Zeitfenster ziemlich klar gesagt, dass ich übernehmen soll. Ich war total überrascht.

Ist man dann auch mal wieder aufgeregt?
Man muss sich eben auf etwas komplett neues einstellen, und man weiß nicht, wie es läuft. Aber das kalte Wasser war genau das Richtige, so konnte ich mir gar nicht groß Gedanken machen. Und es ging dann ja auch Schlag auf Schlag weiter und zwei Tage später war das erste Spiel.

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Zinnbauers „Erbe“ war nicht einfach, oder?
Es hatte Vor- und Nachteile. Die Mannschaft funktionierte und hatte Selbstvertrauen. Das war das Positive. Und als junger Trainer kannst du da dann schon leichter drauf aufbauen. Andererseits wirst du an sowas dann immer wieder gemessen, wenn die Mannchaft ungeschlagen ist. Da war also schon Druck da. Es sollte ja schließlich so weitergehen. Und wir haben es ganz gut hinbekommen.

Wie lief die U23-Begrüßung ab?
Ich habe mir da nichts besonderes überlegt und wollte einfach nur authentisch sein. Ich habe gesagt, dass ich das weiterführen möchte, was sie bis dahin aufgebaut hatten. Wenn man in so ein funktionierendes Gebilde reinkommt, dann läuft das ja alles schon. Klar habe ich ein paar andere Ideen, aber es war nicht so, dass ich da alles verändern muss. Joe Zinnbauers und meine Ideen vom Fussball sind – bis auf Kleinigkeiten – nahezu gedeckt. Das war dann schon von Vorteil.

Als Sie übernommen haben. Was fiel Ihnen sofort auf? Worüber waren Sie verwundert?
Dass das Team ein total eingeschworener Haufen ist. Das Team hat viele gute Einzelspieler, aber sie halten total zusammen und spielen mit viel Leidenschaft für ihre Teamkollegen. Das hat mich schon positiv überrascht. Oft ist es ja die Gefahr, gerade bei Nachwuchsmannschaften, dass der Einzelne denkt, er sei der Größte und sein Ding machen will, um aufzufallen. Aber hier marschieren alle in eine Richtung.

Am Ende des Fußballjahres 2014 mussten Sie drei Niederlagen in Serie verarbeiten. Wie erklären Sie sich den kleinen Formabflug?
Viele Spieler gehen in den Bundesligakader, wir hatten Sperren und Verletzungen. Uns fehlen zuletzt immer acht Spieler. Das zu verkraften, ist schwer. Die Sicherheit geht uns etwas ab.

Vorarbeiter Zinnbauer sprach damals vom Knick, der kommen wird.
Wir haben es geschafft, auf konstant hohem Niveau zu spielen. Die Jungs bei Laune zu halten und zu motivieren ist auch nicht so einfach, wenn man soviele Siege in Folge hatte. Vielleicht fehlten nun zum Ende ein paar Prozent.

Wie groß sind die Probleme, dass Zinnbauer Ihre Mannschaft zerrupft?
Es ist ja keine Problematik, sondern toll. Aus der U23 bekommen Spieler die Chance auf Bundesliga. Das ist ja genau das, was wir hier wollen. Joe kennt die Spieler gut und hat den Mut sie einzusetzen. Und es ist doch klasse, dass meine Jungs sehen, dass nicht nur geredet wird, sondern auch gemacht wird und keine heiße Luft verpufft. Die Motivation für die Jungs in der U23 ist riesengroß.

Können U23-Spieler wirklich helfen in der Bundesliga in die Spur zu kommen?
Sie haben auf jeden Fall das Selbstvertrauen und die Unbekümmertheit. Ich glaube schon, dass sie den Spielern, die länger dort sind, Druck machen können. Wie weit sie helfen, wird man sehen. Letztlich ist es eben so brutal, dass die Ergebnisse zählen. Wenn drei Spieler spielen und man verliert, heißt es: Mit den Bubis geht’s nicht. Die Situation ist nicht einfach. Joe nimmt die Spieler ja aber nicht hoch, damit sie ihm sofort helfen. Er sieht sie als langfristige Unterstützung. Ein Ashton Götz ist geplant langfristig mit Diekmeier zu konkurrieren. Das ist also kein Strohfeuer für den Sofort-Push.

So unbekümmert kann ein junger Spieler doch gar nicht mehr sein, wenn man mit dem Rücken zur Wand steht, das Stadion voll ist und die Fans drei Punkte erwarten. Da geht einem doch eher die Muffe?
Sie sehen die Chance. Sie überlegen nicht groß, sondern sehen die Möglichkeit Bundeslia zu spielen. Das überwiegt mehr als der Gedanke ans Verlieren.

Wie reagieren die festen Spieler der U23 darauf, dass ständig Leistungsträger fehlen?
So und so. Es ist Aufgabe des Trainerteams, ihnen die Chance zu zeigen, dass auch sie bald die Möglichkeit bekommen könnten.

Beinahe regelmäßig sind jetzt immer drei, vier U23-Spieler im Bundesligakader. In der Bundesliga läuft es dennoch nicht wesentlich besser. Und in der Regionalliga nun auch nicht mehr. Schwächt man sich auf zwei Ebenen?
Ich habe noch keine Probleme bekommen. Die Jungs haben bei uns immer Gas gegeben, weil sie sich in der Mannschaft nach wie vor sehr wohl fühlen. Denen macht es immer wieder Spaß U23 zu spielen. Da kommt keiner wieder mit dem Auftreten: Ich bin jetzt Profi. Das wissen sie auch selber. Ein Spiel macht dich nicht zum Bundesliga-Spieler. Das Ziel Bundesligaprofi zu werden musst du jahrelang bestätigen. Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen auch, wie schnell es wieder in die andere Richtung gehen kann. Nehmen wir nur das Beispiel Jonathan Tah …

Wir nehmen Ronny Marcos. Wie erklären sie sich, dass er eben noch die Drittliga-Tauglichkeit abgesprochen bekommt und elf Monate spielt er in der Bundesliga?
Ich weiß nicht, wie er in Rostock war oder was dort passiert ist. Aber im Fußball hängt das einzelne Schicksal nun mal von einzelnen Personen ab. Steht der Trainer auf mich? Habe ich gerade einen Topspieler vor mir? Wie reagiere ich auf negative Erlebnisse? Ich kann jetzt nur sagen, dass Ronny absolut vorbildlich ist, was seine Einstellung angeht. Er tut alles für den Fußball, gibt immer Gas. So etwas zahlt sich langfristig aus.

» Ronny Marcos: Plötzlich Bundesliga

Wir schwenken um. Sie sind 2010 zum HSV gekommen. Vergleichen Sie die Zeit mit der jetzigen. Was passiert derzeit?
Der HSV ist ja kein Verein, in dem Ruhe herrscht. Jetzt ist es eben so, dass auf den Führungsebenen Personen agieren, mit denen man lange zusammenarbeiten möchte. Ich hoffe einfach, dass es so kommt. Sie müssen die Möglichkeit kriegen längerfristig zu arbeiten. Die schnellen Wechsel der Vergangenheit müssen erledigt sein. Ohne Kontinuität kann man nicht arbeiten.

Was hat sich in vier Jahren HSV geändert?
Man muss ja erstmal wieder Strukturen schaffen. Vieles ist einfach nicht mehr da. Die Leute, die hier waren, haben immer ihr Team und eigene Ideen mitgebracht. Wenn die Leute gegangen sind, ist es wieder zerbrochen und neue Leute mit neuen Ideen kamen. Jetzt ist erkennbar, dass es Verantwortliche für alle Bereiche gibt. Das ist das Gerüst, wieder Ansprechpartner zu haben.

Können Sie beschreiben, wie Herr Peters, Knäbel und Beiersdorfer da aufräumen? Welche Steine werden da jetzt umgedreht. Ohne die Worte Prozess, Geduld, Struktur, Entwicklung, Umburch und Veränderung bitte.
Es ist schwierig ohne diese Worte. Man merkt einfach, dass sie versuchen, alles vorzuleben, was sie erzählen. Und das mit ganz viel Einsatz. Egal, wen wir da nehmen. Alle sind auf der Anlage und sie arbeiten 24 Stunden für den HSV. Sie haben einen Plan, aber es dauert. Wichtig ist es, Sachen miteinander zu entwickeln. Die Dinge entstehen nun aus der Gruppe heraus. Wir haben viele Meetings. Egal, ob es um Spielprinzipien, Werte oder einen roten Faden geht. Vorher hat man auch daran gearbeitet, aber die Vorgaben wirkten irgendwie von oberster Instanz einfach drauf gestülpt, ohne Zeit zu haben für die Entwicklung, weil nach einem Jahr dann wieder eine neue Idee kam. Nun ist es so, dass wir eine gemeinsame Idee schaffen und die Zahnräder ineinander greifen. Alles muss aufeinander aufbauen. Es bringt nichts, dicke Ordner für die Nachwuchs-Bereiche mit Ideen zu haben – man muss es auch vorleben und nicht nur ein schönes buntes Buch in der Hand halten. Wir haben viele Baustellen und wenig Zeit, daher müssen wir nun alle am Gerüst bauen um dann darauf weiterzumachen.

Wird der Druck auf Sie und die Trainer erhöht? Die Chefs sind ständig beim Training, beäugen genau.
Ja, total. Aber das ist alleine schon dem geschuldet, dass ich nun an der Arena trainiere. Aber es ist doch interessant, wenn sich die Leute  auch für die Arbeit interessieren. Wir arbeiten in einem Nachwuchsleistungszentrum. Und hier muss natürlich auch etwas dabei rauskommen. Wir haben tolle Bedingungen, und das Ziel muss sein, Spieler in den Profibereich zu schieben. Daran werden wir gemessen. Der Druck ist da, aber der gehört auch dazu. Es geht ja nicht, dass jeder sein Ding macht.

Sie wurden relativ überraschend und ohne große Profi-Karriere von der U16 in die achsowichtige U23 befördert. Ist die Zeit beim HSV damit vorbei, wo Job-Geschenke an Ex-Profis wie Addo und Cardoso verteilt werden?
Es ist ja eher förderlich, wenn man vorher Profi war. Und ich finde es gut, wenn man sie im Nachwuchs einbaut. Sie haben ja auch gute Arbeit geleistet.

Das sehen wir nicht ganz so.
Wenn man nur auf die Ergebnisse guckt, mögen Sie recht haben. Aber das waren auch andere Bedingungen. Nehmen wir die A-Jugend. Die 96’er-Jahrgänge. Normalerweise würden da jetzt Öztunali und Tah spielen und dann sähe es wieder anders aus. Sie wurden bei uns entwickelt und dann leider von anderen Clubs weggenommen. Also kann man nicht nur das Gute oder Schlechte sehen. Es spielt viel mehr mit hinein und deshalb bleibe ich dabei: Sie haben gute Arbeit gemacht.

So überraschend Ihre Beförderung kam – wie überraschend kommt nun das absehbare Ende?
Ich sehe mich ja langfristig als Trainer und möchte mich weiterentwickeln. Daher ist es für mich überhaupt keine Degradierung. Die U19 ist auch eine sehr wichtige Aufgabe, vielleicht sogar die wichtigste im NLZ. Ich habe für die U23 einfach nicht die nötigen Voraussetzungen. Sollte der Verein aufsteigen wollen, ginge das mit mir nicht. Und es geht nicht, als Trainerneuling nicht bei der Mannschaft sein zu können, weil man auf Lehrgängen ist. Ich muss mich nicht darstellen und so schnell wie möglich hochsteigen. Am Ende geht es um den Spieler. Ich komme eben aus dem Nachwuchs. Und es ging immer um die Entwicklung des Spielers. Wenn ich das schaffe, ist dass für alle Seiten positiv. Ich bin ein Ausbildungstrainer und die U19 ist ja nun kein Pillepalle.

Aber wenn Sie U19 -Trainer sind und ständig unterwegs sind, ist es doch auch nicht optimal? Sie meinten ja gerade, das die U19 mit die wichtigste Mannschaft ist …
Ich bin ja nicht sofort weg, sondern werde erstmal ein Jahr die U19 trainieren um Abläufe und Routine reinzubekommen. Der Fussballlehrer steht dann für 2016 an. Klar sind das nun auch wieder Veränderungen, wenn U23 und U19 neue Trainer bekommen, aber das war die Entscheidung und ich finde das okay. Ich kann mich noch volle Kraft auf die U23 konzentrieren und brauche dann keine lange Anlaufphase in der U19, da ich alle Spieler durch meine Jugendarbeit kenne und somit den Einstieg leichter habe als möglicherweise ein externer neuer Trainer.

Plant der HSV denn nun die 3. Liga?
Ja, natürlich. Es ist ja für den Gesamtverein eine riesen Sache. Es wäre super, wenn wir das hinbekommen, zumal es das Arbeiten in den U-Mannschaften ja auch wieder erleichtert. Dass man talentiere Spieler dann noch eine Stufe höher parken könnte als momentan, bevor sie in den Profibereich kommen, wäre optimal und würde den Weg nach oben noch kürzer machen. Man wird sich damit beschäftigen. Sollte es am Ende dazu kommen, wäre ich eben nicht in der Lage Trainer der Mannschaft zu sein.

Der Verein will im Winter über einen Nachfolger und die nächste Saison debattieren. Sitzen Sie mit am Tisch?
Nein, das werden die sportlich Verantwortlichen regeln.

Als ich damals wusste, dass ich meinen Arbeitsplatz verlassen werde, habe ich mich die letzten Monate krankschreiben lassen. Wie motivieren Sie sich?
Wenn du Fußballer bist, erübrigt sich diese Frage. Man will immer das Beste und immer gewinnen und wir haben noch Ziele. Es ist nun nicht so, dass wir die Rückrunde einfach so zu Ende spielen. Wir sind Erster. Und wir wollen das auch bleiben. Da stecke ich alle Kraft rein. Wenn man die Möglichkeit auf die Meisterschaft im Norden hat, um dann eventuell  die Relegationsspiele zu bestreiten und aufzusteigen, dann wollen wir da alles rausholen.

Kann es ein Problem innerhalb der Mannschaft werden, wenn der Chef eh bald weg ist?
Kann sein. Das ist vielleicht das Risiko, wenn man die Entscheidung so früh trifft und auch kommuniziert. Auf der anderen Seite haben alle Klarheit. Am Ende geht es nicht um mich, sondern um die Spieler. Die wissen derzeit nicht, welche Liga sie nächstes Jahr spielen. Aber sie können sich so lange wie möglich durch gute Leistungen interessant machen für den HSV.

Zum Schluss: Was haben Sie bisher vom Großmeister der Ideen, Herrn Peters, gelernt?
Er bringt viele neue Sachen mit. Gerade aus dem Hockey ist vieles interessant. Die Videoanalyse spielt dort eine große Rolle. Da ist man beim Hockey einen Schritt voraus gewesen. Aus dem Spiel heraus Sachen runterzubrechen für das Training und dann spielnah trainieren in den Räumen, in denen sie dann auch unter Druck passieren werden. Die Zeit der unendlichen Passschleifen ohne Gegner, ohne alles, ist vorbei. Alles geht um schnelle, richtige Entscheidungen. Oder sich selbst bei Ansprachen aufnehmen lassen. Das ist schon komisch, hilft einem aber extrem weiter.

Nun geht’s rein in die Winterpause. Steht Urlaub an?
Ja. Und es geht weit weg in die Sonne. Es war schon kräftezehrend und ist etwas anderes als meine Arbeit bisher beim HSV. Ich versuche bewusst das Handy wegzulassen, oder ich probiere es zumindest.

Herr Petrowsky, dann gutes Gelingen bei dem weisen Vorhaben und vielen Dank für das gute Gespräch.

Harry Jurkschat

Seit Gründung mit auf dem brennenden BTB-Rasen. Im Gegensatz zu Semmler ist Jurkschat smart. Eine Mischung aus Mehmet Scholl und Günter Netzer. Der ewig 31-Jährige Insiderexperte harmoniert sich von Meppen bis Kiel, ist der Ausbügler und Staubsauger in der 2. Reihe. Dazu kommt aufgrund internationaler Fussball-Erfahrung (6 Länderspiele für Deutschland) Know-How im Wesentlichen. Manko: Bisweilen zu symphatisch und häufig mit den Sekretärinnen beschäftigt.