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Lennart Hein: Über Todesfelde nach Boston

Lennart Hein, vor ein paar Wochen noch bei der SpVgg Greuther Fürth unter Vertrag, wechselte im vorletzten Sommer von der U19 des Hamburger SV zu den Kleeblättern. In dieser Saison kam der 20-Jährige bislang zu keinem einzigen Pflichtspieleinsatz. Weder in der ersten Herrenmannschaft noch in der Reservetruppe. Er verriet BLOG-TRIFFT-BALL, was es damit auf sich hat und wie seine Pläne für jetzt und die Zukunft sind.

Lennart, nachdem Du im letzten Sommer aus der U19 in die Herrenabteilung von Greuther Fürth kamst, wurdest Du mit einem neuen Vertrag ausgestattet. Unter anderem ist dieser auch ein Grund für deine Abstinenz in den diesjährigen Pflichtspielen gewesen. Klär‘ uns doch bitte auf.
Um genau zu sein, habe ich schon in der A-Jugend einen Dreijahresvertrag mit Anschlussoption Profivertrag unterschrieben. Der damalige Sportdirektor Rouven Schröder hat mir eine gute sportliche Zukunft beim Verein in Aussicht gestellt. Nach den Relegationsspielen gegen den HSV ist dieser jedoch nach Bremen gegangen. Danach wurde ein neuer Mann geholt. Als dann im Sommer viele Transfers getätigt wurden, hat man mir zwei Wochen vor der Schließung des Transferfensters nahegelegt, dass Einsätze im Profikader nahezu ausgeschlossen seien. Ich sollte entweder einen neuen Vertrag unterzeichnen, in diesem Fall einen Amateurvertrag, oder ich sollte den Verein wechseln.

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Das Profigeschäft ist kein Ponyhof.
Aber als junger Spieler ist es ungemein schwierig, in zwei Wochen einen neuen Klub zu finden. Ich habe mich daher entschieden zu bleiben und alles zu versuchen. Da ich jedoch, nach Meinung der Verantwortlichen, schon zu viel Geld verdient hatte, wurden mir wenig später Einsätze in der Reservemannschaft untersagt. Der U23-Coach Mirko Reichel, der aus meiner Sicht ein richtig guter Trainer ist, hat mir erklärt, dass ihm leider die Hände gebunden waren. Er hätte mich spielen lassen, jedoch gab es von oben eine ganz klare Ansage in Bezug auf meine Person.

Wie bist Du mit dieser Situation umgegangen?
Ich habe immer versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Im Training gab ich weiterhin Gas. Hinzu kamen viele Extraschichten abseits des Platzes, beispielsweise im Fitnessbereich. Das Ganze war schon ein bisschen demotivierend. Es ist natürlich nicht der Sinn, immer zu trainieren, aber am Ende nicht zu spielen. Am Anfang war die Hoffnung da, dass sich etwas ändern könnte, wenn ich immer so weitermache. In dieser Zeit war mir Mirko Reichel eine Unterstützung, der mir stets Zuversicht schenkte.

Was waren vor knapp zwei Jahren deine Beweggründe für Fürth und weg vom HSV?
Es ist ja bekannt, dass viele junge Spieler beim HSV den Sprung in den Profikader nicht schaffen. Dann wechseln sie und blühen beim neuen Verein richtig auf. So war es ja bei Sidney Sam oder Choupo-Moting. Deshalb entschied ich mich für einen Weggang. Dazu dachte ich mir, dass ich in der 2. Liga eher die Chance erhalten würde im Profi-Bundesligabereich Fuß zu fassen. Die ersten Gespräche mit Rouven Schröder waren ja auch sehr gut, dazu war er sehr überzeugend. Vielleicht wäre alles etwas anders gelaufen, wenn er noch im Amt gewesen wäre.

Immerhin durftest du etwas Bundesliga-Luft im Training schnuppern. Wie war das?
Im Vergleich zur A-Jugend ist das Tempo viel höher. Ich würde nicht sagen, dass es von der Technik her ein großer Unterschied ist, aber das körperliche Spiel ist robuster und alle handeln abgezockter. Die Spieler sind ruhiger am Ball. Sie behalten bei schwierigen Entscheidungssituationen eher die Ruhe und werden deutlich seltener hektisch.

Der Vertrag mit Greuther Fürth ist nun im beidseitigem Einverständnis aufgelöst worden. Waren die Gespräche mit den Verantwortlichen zufriedenstellend oder gab es noch böses Blut?
Ich persönlich hatte zu diesem Thema nur ein abschließendes Gespräch mit den Verantwortlichen. Die vorherigen Termine hatte lediglich mein Berater wahrgenommen. Es ging in den Besprechungen um die Summe der Abfindung und um weitere Modalitäten. Bei der Unterschrift der Vertragsauflösung war ich dann natürlich dabei. Es hat sich alles etwas in die Länge gezogen.

Es war klar, dass Du weiterhin leistungsorientiert Fußball spielen willst. Nach unseren Informationen war Eintracht Norderstedt interessiert. Am Ende hat der SV Todesfelde das Rennen gemacht. Was waren die ausschlaggebenden Gründe für Deine Entscheidung?
Es gab Überlegungen, hier im Norden wieder in der Regionalliga zu spielen. Im Laufe der Zeit hat sich das Gedankenspiel mit den USA jedoch konkretisiert. Deswegen wäre es für mich optimal, wenn ich mich bis zum Sommer in der Umgebung fit halten und Spiele absolvieren kann. Nach einem halben Jahr ohne Pflichtspieleinsatz will ich wieder auf den Platz zurückkehren. Diese Dinge kann mir Todesfelde bieten, ohne mir einen großen Aufwand zu bescheren. Der Weg zum Training ist kurz, zudem ist das Team eine der Top-Mannschaften in der SH-Liga. Bisher habe ich einen sehr guten Eindruck von meinem neuen Klub.

Das Engagement an der Dorfstraße soll nur ein Zwischenstopp sein. Wie sehen Deine Pläne für die Zukunft aus?
Im Sommer will ich auf jeden Fall in die USA. Es gibt schon einige Angebote, sowohl aus der MLS als auch von drei, vier Colleges. Das Wichtigste ist, dass ich definitiv Spielpraxis sammeln kann. Deshalb strebe ich momentan eher den College-Fußball an. Dort ist es mein Ziel in der höchsten Universitätsliga zu spielen. Es liegen mir schon konkrete Nachfragen vor.

Gibt es denn schon einen Favoriten?
Das Providence College in der Nähe von Boston ist ein Favorit von mir. Der Trainer wird sich auch Spiele von mir hier in Deutschland anschauen.

Wie findet das Bewerbungsverfahren mit den Colleges überhaupt statt?
Bei mir war das so, dass ich von einigen Organisationen angesprochen wurde. Bei diesen muss jedoch immer ein Betrag für die Vermittlung bezahlt werden. Glücklicherweise kennt mein Berater einen ehemaligen Profifußballer, Jacob Thomas, der in der MLS gespielt hat. Dieser hat bei Colleges und Vereinen nachgefragt, ob Interesse beziehungsweise Bedarf auf der Innenverteidigerposition besteht. Dadurch meldeten sich direkt Verantwortliche der schulischen Einrichtungen und Klubs bei mir. Es werden jetzt im Februar Trainer nach Duisburg kommen, um Talente zu begutachten. Dieses Event nennt sich ‚Showcase‘. In meinem Fall werden sich die interessierten Coaches die Testspiele von meinem neuen Klub SV Todesfelde anschauen. Mein Weg nach Amerika ist nicht der normale. Ich hatte eben Glück, dass mein Berater Halbamerikaner ist.

In den USA sind gut ausgebildete, deutsche Spieler gern gesehen. Mit welchen Erwartungen trittst Du dieses Abenteuer im Sommer an?
Ich weiß schon ziemlich genau, was mich dort erwartet. Julian Greffel, der Bruder eines ehemaligen Mannschaftskollegen, ist momentan auf dem Providence College und hat mir schon einiges über das Leben und den Sport erzählt. Er ist sehr zufrieden und hat sich dazu entschieden, die vollen drei Jahre des Studiums dort zu verbringen. Ihm gefällt es ungemein an dieser Universität zu studieren und zu kicken. Das Beste ist, dass alles auf einen Fleck konzentriert ist. Leseräume und Sportplätze sind keine 500 Meter voneinander entfernt. Da ich ein Vollstipendium angeboten bekommen habe, wäre ich auch von jeglichen Kosten befreit. Zudem sind die Ausstattung und das Trainerteam super professionell, wie überhaupt das gesamte Umfeld mit Physiotherapeuten und Betreuern. Das Trainingspensum liegt bei vier bis fünf Einheiten pro Woche. Die Folge ist eine hohe Qualität der College-Mannschaften. Derzeit läuft die Vorbereitung auf die Hauptsaison, die zwischen August und Dezember läuft. Deshalb liegt das Trainingspensum jetzt, in dieser Zeit, eher bei sechs bis sieben Einheiten. Nach erfolgreichem Abschneiden in der jeweiligen Conference-Liga bestreiten die Universitäten dann die Playoffs, welche in einem Finale um den nationalen Champion münden.

Welche Studienrichtung strebst Du an?
Ich werde in die Richtung Wirtschaft gehen. Wahrscheinlich werde ich Wirtschaftsingenieurswesen studieren. Momentan habe ich hier in Deutschland ein Onlinestudium am Laufen. Dort drüben würde ich wieder von Null beginnen. Mein Englisch ist okay. Ich kann mich verständigen, deswegen wird das sicherlich kein Hindernis sein. Der Uni-Liga-Verband NCAA fordert ausländische Studenten dazu auf, zwei Tests zu absolvieren. Einmal den TOEFL-Test, zur Bestimmung der Englischkenntnisse und der andere ist der SAT-Test, welcher zur Ermittlung des Allgemeinwissens dient. Dies sind unter anderem die Voraussetzungen für den Erwerb eines Vollstipendiums. Ich denke aber, dass sich die Sprache sowieso von Tag zu Tag verbessern wird, wenn man erst einmal vor Ort ist.

Lennart, Danke dass Du Dir Zeit genommen hast.
Wir wünschen Dir für Deine Zukunft alles Gute und hoffentlich hört man nochmal was von Dir.

Luca Sixtus