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4 Gründe für den Weidlich-Wechsel

Vier Tore und drei Vorlagen in 35 Spielen. Das sind nicht die Werte eines Offensivstars, vor allem nicht in der dritten Liga, wo sich manch Durchschnittspieler schon in zweistellige Höhen geschossen hat. Dennoch verlässt mit Denis Danso Weidlich einer der besten Spieler der Liga den FC Hansa. Ein Wechsel, der den Hanseaten schmerzen wird. BTB-Autor und Hansa-Fan Hannes Hilbrecht, dessen Lieblingsspieler Weidlich war, muss trotz der Enttäuschung erkennen: „Leider“ vieles richtig gemacht, Danso.

Grund 1: Die sportliche Perspektive ist in Kiel besser

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Zwar verpasste Kiel auf dramatischte Art und Weise den Aufstieg in die Zweitklassigkeit und muss auch im kommenden Spieljahr in der Dritten Liga antreten – dennoch hat sich Weidlich – stand jetzt – sportlich verbessert. Das fängt bereits damit an, dass er in eine intakte und wohlgeformte Mannschaft kommt, während sich diese in Rostock nach vielen Abgängen erst wieder finden muss.

Die Entwicklung dieses Mannschaftskonstrukts kam an der Förde nicht von ungefähr. In Kiel steht man für Konstanz, als es in der Saison 2013/14 mit 13 sieglosen Spielen in Folge richtig happig wurde, vertraute man dem Cheftrainer. In der Zeit, wo der FC Hansa drei Fußballlehrer verschliss und nun auf den vierten Amtsträger baut, manövrierte sich Kiel durch ähnliche Probleme. Dies taten die Schleswig-Holstein allerdings komplett konträr zum Rostocker Chaos mit Ruhe und Contenance auf dem Führungsdeck. Das lässt auch für die Zukunft ein sauberes Arbeiten erwarten und lockt ambitionierte Spieler. Der Neuzugang aus der Hansastadt ist einer aus dieser Gruppe Drittliga-Fußballer.

Zudem wird Weidlich voraussichtlich die direkte Nachfolge eines Kieler Schwergewichts antreten. Rafael Kazior führte die KSV nicht nur über Jahre als Kapitän auf das Grün, sondern überzeugte wie auch sein Rostocker Pendant durch seine hohe Variabilität. Kazior spielte defensiv, im Mittelfeld zentral und außen, auch als Stürmer wurde der nach Bremen ausscheidende Routinier eingesetzt. Weidlich selbst passt genau in dieses Schema,  ist aber noch jünger und athletischer, dazu technisch äußerst beschlagen. Für den 28-jährigen Hamburger ist es also eine Win-Win Situation. Er kommt in eine derzeit in jedem Fall bessere Mannschaft und kann sich ziemlich sicher sein, dass seine Qualitäten von Beginn an benötigt werden.

Grund 2: Das Kieler Umfeld hat Rostock überholt

Trainingsbesuche von Ultras, ein Verein vor der Pleite, ein zu großen Teilen unglücklich auftretender Aufsichtsrat und die Rettung in letzter Sekunde. Die komplette Palette an Dingen, die kein Fußballer gerne registriert, hat Weidlich in nur zwei Jahren Rostock erlebt. Das hinterlässt Spuren, Narben sozusagen. Die auch noch zu sehen sind und im übertragenen Sinne schmerzen, wenn es vermeintlich wieder gut läuft und die Niedergeschlagenheit längst wieder dem neuen Optimismus gewichen ist.

In Kiel findet man ein solches Negativpotpourri nicht. Der Klub ist finanziell gesund und steht auf sehr soliden Füßen, er besitzt Trainingskapazitäten und Möglichkeiten, von denen man in Rostock derzeit nur träumen kann. Zudem sind die Kieler Fans zwar deutlich leiser und im Vergleich zu den Rostocker Massen auch in einer viel geringeren Anzahl formiert, doch sind die dadurch auch deutlich ruhiger in ihrem Auftreten. Der Druck für einen Fußballspieler ist an der Förde, wo überdies das mediale Umfeld eine ganz andere, viel kleinere Rolle einnimmt, demnach deutlich geringer.

Außerdem zu beachten: Weidlich kommt aus Hamburg. Zwar liegt auch Rostock in unmittelbarer Autobahnreichweite, doch nähert sich Weidlich nochmals seiner Heimatstadt an. Auch familiäre Gründe dürften demnach den Wechsel nach Kiel begünstigt haben.

Grund 3: Neitzel und Schwenke haben bereits das bewiesen, was die Rostocker Verantwortlichen erst noch beweisen müssen.

In Rostock ging es in der Rückrunde aufwärts. Das lag nicht allein an der Mannschaft, sondern auch am Team hinter dem Team. Trainer Karsten Baumann, der Sportliche Leiter Uwe Klein und auch Vereinschef Michael Dahlmann hinterließen in der Rückrunde einen guten bis sehr guten Eindruck.

Die Sache ist die: Einen Abstiegskandidaten vor dem Abstieg bewahren und eine Notsituation erfolgreich meistern ist nur eine Teildisziplin bei der Entwicklung eines Erfolg-Projekts. Obwohl viele Vorzeichen gut stehen – wie sich Klein und Baumann darin schlagen werden, diese Reifung fortzuführen, liegt noch im Trüben.

In Kiel hat der Trainer Karsten Neitzel aber bereits den Nachweis dazu erbracht, ein Team nach Krisen weiter formen zu können. Zudem hat Manager Wolfgang Schwenke, wenn auch unter einem geringeren finanziellen Druck, das bessere Bild als sein Rostocker Pendant abgegeben.

So wählte Weidlich die momentan bessere Alternative für einen Wechsel. Dass sich das in ein paar Monaten freilich geändert haben kann, ist ein Risiko, das bei allen Wechseln mitschwingt.

Grund 4: Weidlich wird in Kiel besser verdienen

Es ist ein Argument, das den Puls von vielen Fans rasant ansteigen lässt, das Gesicht rot verfärbt und die Backen aufpustet, um die frisch eingeschnaubte Luft anschließend rasch in wütige Tiraden zu verwandeln. „Söldner“, rufen die einen, „Dem geht es nur ums Geld“, mausern die anderen nur minimal gemäßigter.

Dabei ist ein Wechsel aus finanziellen Gründen wahrlich nichts Ungewöhnliches. Bei fast allen Profisportlern geht es ums Geld, vor allem bei denen, die sich fernab von Millionen-Gehältern bewegen. Viele Drittliga-Spieler verdienen zwar im Status Quo deutlich über den deutschen Durchschnitt, aber eben nicht genug, um sorgenfrei und ausgesorgt in die Zukunft zu schauen. Einige Profis studieren deshalb nebenbei, planen am Rande ihrer Karriere ihre berufliche Perspektive. Weidlich ist 28, wenn es gut läuft, wird er noch fünf, sechs Jahre seinen Lebensunterhalt durch den Fußballsport bestreiten können. Wenn er nicht an das Finanzielle denken würde, wäre sein Verhalten schlichtweg unverantwortlich gegenüber seiner Familie.

Was viele Fans ebenso nicht wissen: In Rostock spielte Weidlich für ein relativ geringes Gehalt. Spieler, die eine deutlich gewichtlosere Rolle einnahmen, verdienten bisweilen deutlich mehr. Auch Dauerreservisten  sollen vor Weidlich in der Gehaltshierarchie gestanden haben.

Ist man sich dieser Lage bewusst, erübrigen sich Vorwürfe der „Geldgeilheit“ von alleine. In Kiel wird der Deutsch-Ghanaer seiner Leistung entsprechend bezahlt, wenngleich nicht zu erwarten ist, dass Weidlich zu den absoluten Top-Verdienern in der Dritten Liga aufsteigen wird. Fakt ist aber auch: Ein Angebot von Holstein Kiel hätte der FC Hansa aufgrund der Misswirtschaft der letzten Jahre nur schwer Paroli bieten können.

Fazit aus Kieler Sicht: Nur einen Tag nach dem Drama von München richten sich die Kieler kämpferisch auf. Die Verpflichtung Weidlichs ist ein echter Transfercoup.

Das Fazit aus Rostocker Sicht: Der FC Hansa verliert mit Weidlich innerhalb eines Jahres nach Blacha und Christiansen einen dritten Schlüsselspieler. Das mit Holstein Kiel ein Verein, der noch vor einem Jahr hinter dem FC Hansa stand, ein lukrativeres Paket für einen Spieler von Hansa Rock bietet, ist keine fiese Kieler Teufelei, sondern die Konsequenz aus schwachen Entscheidungen, die weit vor der Baumann-Klein-Ära getrofffen wurden. Immerhin: Geht der FC Hansa seinen jüngst eingeschlagenen Weg weiter, könnte sich das Blatt in naher Zukunft vielleicht wieder drehen.

Hannes Hilbrecht

Hannes Hilbrecht schreibt und schrieb nebenbei für ZEIT ONLINE, NDR.de und den Berliner Tagesspiegel. Füllt ein Marketing-Magazin mit Liebe (GrowSmarter.de) Und er liest eine spannende Case Story genauso gerne wie den neuen Roman von Ralf Rothmann.