Top
calcio_matthias_870

Fan-Interview: „Kassel war schlimmer“

Matthias Hermann ist Blogger, Fotograf und Holstein-Fan. Der Gründer vom sehr beliebten Calcio-Culinaria-Blog begleitet die KSV seit Jahren. Nun gibt er BLOG-TRIFFT-BALL unmittelbar vor der entscheidenden Partie letzte Einblicke in sein Gemüt.

Matthias, Sie begleiten die Kieler Holstein seit Jahren als Fotograf und als Blogger auf der Plattform → Calcio Culinaria. Wie ist die Stimmung bei Ihnen vor so einem wichtigen Spiel?
Die ist recht normal. Natürlich geht es um viel, aber so richtig nervös bin ich erst unmittelbar vor dem heutigen Spieltag geworden. Kassel vor zwei Jahren war deutlich schlimmer.

Imagefilme für Rostock und Mecklenburg-Vorpommern

Wie meinen Sie das?
Vor der Drittliga-Relegation war ich schon die ganze Woche wahnsinnig aufgeregt. Der Puls war unglaublich hoch, ich stand komplett unter Vollspannung. Der Aufstieg aus der Regionalliga war meiner Ansicht nach einfach viel wichtiger als der Zweitligaaufstieg, der für mich wirklich der Extra-Bonus auf einer fantastischen Saison wäre.

Sehen dass die anderen Kieler Fans so wie Sie, oder wird der Aufstieg mittlerweile von einer Mehrheit erwartet?
Ich glaube, dass die meisten Fans, die ähnlich lange dabei sind und den Weg nach oben begleitet haben, mir zustimmen werden. Ich meine: Im letzten Jahr haben wir am letzten Spieltag die Klassen gehalten, nun spielen wir die Relegation. Diese Entwicklung ist so enorm, dass die Saison schon jetzt rundum gelungen ist. Dass wir nun die Chance auf den Aufstieg bekommen und diese Möglichkeit ergreifen wollen, steht außer Frage. Und wenn der morgige Abend nicht so läuft, wie wir uns das alle wünschen, darf es natürlich auch erlaubt sein, ein bisschen traurig zu sein.

Käme ein Aufstieg vielleicht sogar zu früh?
Da möchte ich gerne den Trainer Karsten Neitzel zitieren: „Für einen Aufstieg ist es nie zu früh.“

Eben weil die Dritte Liga so viele Überraschungen verspricht?
Ich vermute, dass die Liga im nächsten Jahr noch ausgeglichener als in dieser Saison sein wird. Die Überteams aus Bielefeld und Duisburg sind aufgestiegen, aus der 2. Bundesliga kommen ambitionierte Teams runter, mit Magdeburg ist eine traditionsreiche Fußballstadt wieder in den bezahlten Fußball zurückgekehrt. Dazu sehe ich den Kieler Vorteil als Überraschungsteam schwinden. Sollte der Aufstieg nicht gelingen, sind wir im nächsten Jahr nicht mehr der „Fast-Absteiger“ Holstein Kiel, sondern der letztjährige Dritte. Und ich glaube, es war in diesem Jahr ein Vorteil, dass wir lange Zeit nicht als die ganz große Bedrohung von der Konkurrenz wahrgenommen wurden.

Nun hat man am Wochenende ein volles Haus in Kiel erlebt. Die Stadt und die Region sind längst angesteckt. Wie nachhaltig ist dieser Trend? Droht nicht etwa eine Blase zu platzen, wenn der Erfolg nachlässt?
Sicherlich haben sich in den letzten Wochen viele Zuschauer des Erfolges wegen ins Holstein Stadion begeben. Das ist völlig normal und auch aus anderen Städten wie Sportarten bekannt. Erfolg zieht nun einmal Schaulustige an, und man muss hoffen, dass daraus richtige Fans werden. Dennoch gehe ich davon aus, dass in Kiel keine Blase platzen wird. Viele Interessierte sehen, wie bodenständig der Verein arbeitet. Das hat viel verlorenes Vertrauen aus der Vergangenheit zurückgeholt. Deshalb ist davon auszugehen, dass auch im Falle einer Niederlage in München nicht alles, was in den letzten Wochen aufgebaut wurde, auf einmal wieder weg sein wird.

Nun hat am gestrigen Abend der HSV die Klasse gehalten. Wäre ein Hamburger Abstieg nicht der Kieler Entwicklung weiter entgegengekommen?
Natürlich wäre es ein schönes Szenario gewesen, im kommenden Jahr möglicherweise im Volkspark zu spielen. Ein Freund sagte vor einiger Zeit, dass er tot umfallen könnte, falls das jemals passieren sollte. Er hat nun vorerst Glück gehabt. Es bleibt aber festzuhalten, dass die Kieler schon davon profitieren, dass es beim HSV nicht allzu gut läuft. Man bekommt gerade auf dem Land mit, das viele ehemalige HSV-Stammgäste nun am Samstag nach Kiel fahren, um erfolgreichen Fußball zu sehen. Damit meine ich auch die Region um Neumünster, die vor Monaten noch klares HSV-Gebiet war, nun aber teilweise zur KSV Holstein tendiert.

Niklas Jakusch im Interview: "Ich bin das Ende der Kette"

Niklas Jakusch im Interview: „Ich bin das Ende der Kette“

Nun ist Holstein Kiel nicht nur die klare Nummer 1 im Bundesland, sondern auch die Nummer 1 an der Ostsee. Ist es dem Kieler wichtig, den FC Hansa überholt zu haben?
Für mich persönlich nicht. Ich sehe die Rostocker  mehr als Indikator, weniger als Erzrivalen. Wenn man einen solchen Verein sportlich distanziert hat, heißt das schon einiges. Anderseits beweist uns der FC Hansa, wie weit wir noch davon entfernt sind, eine ähnliche Fanbasis aufzubauen. Das ist in Rostock alles noch viel größer und gewachsener. Der Verein hätte in die vierte Liga absteigen können, und der Zuschauerschnitt wäre mutmaßlich weiterhin viel größer als der von Holstein Kiel gewesen.

Der Erzrivale von Holstein Kiel ist der VfB Lübeck. Kann man Unterstützung für die Relegation erwarten?
Ich denke eher nicht. Die Rivalität zwischen beiden Teams ist groß, zwischen einigen Fans beider Seiten hat es deshalb in der Vergangenheit auch häufiger Ärger gegeben. Es sind ja nicht nur die beiden wichtigsten Fußballvereine im Bundesland, sondern auch die bedeutendsten Städte. Aus Lübeck sollte man deshalb keine Unterstützung erwarten. Das ist aber auch vollkommen okay.

Hat Holstein Kiel dann ansonsten die Chance, dass ganze Bundesland hinter sich zu bringen?
Ich denke ja. Wie gesagt: Schon jetzt sind die positive Entwicklungen auf den Tribünen erkennbar. Früher war es auch Gang und Gebe, dass sofort ein Drittel des Stadionbesuches wegbrach, wenn der THW am gleichen Tag spielte. Das kommt zum Beispiel nicht mehr vor. Wenn der Verein weiter so nachhaltig arbeitet, bin ich sehr guter Dinge.

Zu Ihnen persönlich. Sie sind  am heutigen Spieltag akkreditiert, werden Fotos schießen. Geht das bei all der Aufregung überhaupt?
Mittlerweile bin ich es ja gewöhnt, mit erhöhtem Puls zu arbeiten. Und vor allem freue ich mich wieder, so nah dabei zu sein. Dieses Mal sogar in der Allianz Arena. Das wird ein großes Abenteuer.

Der schnieke Name Ihrer Fußballseite macht ja durchaus Appetit. Wie würden Sie den Aufstieg, vorausgesetzt er tritt ein, kulinarisch feiern?
In bayrischen Wirtshäusern gibt es mit Sicherheit die eine oder andere Verlockung. Ansonsten wird hoffentlich mit Stadionbier und Cider angestoßen.

Wann geht es zurück?
Am Mittwochvormittag. So wie es aussieht, nehmen wir den gleichen Flug wie die Mannschaft. Das Spannende ist ja zudem: Am Mittwochnachmittag ist im Citti-Park eine große Autogrammstunde angekündigt. Die wurde schon geplant, als noch niemand so richtig an die Relegation denken wollte. Wenn alles so klappt, wie wir uns das erhoffen, werden die Spieler mit Sicherheit keinen einzigen Buchstaben auf die Karten bringen.

→ Holstein Kiel vs 1860 München – der Vor- und Nachbericht

Hannes Hilbrecht

Hannes Hilbrecht schreibt und schrieb nebenbei für ZEIT ONLINE, NDR.de und den Berliner Tagesspiegel. Füllt ein Marketing-Magazin mit Liebe (GrowSmarter.de) Und er liest eine spannende Case Story genauso gerne wie den neuen Roman von Ralf Rothmann.