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Ohne Hüsing gibt es auf die Fresse

Hansa verliert mit 0:2 gegen Braunschweig und spielt wie ein Glas Spreewaldgurken. Warum es noch Hoffnung für die Gurkentruppe gibt, verraten wir in der Hansa-Analyse.

Min Hüsing

Waren die Sommer früher nicht schön. Mittags an den See, den blassen Wanz bräunen, und abends mit den Rasierklingen unter den Achseln die Dorffeste zwischen Thulendorf und Zarnewanz aufmischen. Aufregende Zeit. Schöne Zeit. Teure Zeit.

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Besonders beliebt damals: unser testosterongetränktes Lieblingsspiel “Wir gegen die”. Ich wusste eigentlich nie warum, aber mit den Jungs aus den anderen Dörfern gab es immer Ärger. Die Fehden der Väter lebten in uns weiter. Die Wut pulsierte in unseren Schläfen. Die Furcht ächzte in den Knien.

Mein aufrechter Gang hing damals von der Anwesenheit eines alten Kumpel ab. Ein starker Kerl. Hoch wie breit. Ein zu kalter Blick für seinen netten Geist. Den Spitznamen teilte er sich mit einem Küchengerät. Wenn Spargelschäler* (Name geändert) dabei war, wusste ich: heute passiert nichts.

Warum ich diese alte Schublade aufreiße? Weil Oliver Hüsing der “Spargelschäler” des FC Hansa Rostock ist. Er spielt für zwei. Er räumt im Strafraum auf, wenn es harzig wird und er lässt auch den unsichersten Haufen Fußballmannschaft respektabel aussehen.

Und ganz sicher: Ist er mal nicht da, gibt es Zunder für die eigenen Kauleisten. So wie am Sonntag in Braunschweig.

Es war nämlich kein Zufall, dass die Braunschweiger just das entscheidende Einzunull erzielten, als Hüsing mit blutverschmierter Nase neben dem Tor stand. Nicht eingreifen konnte. Einmal nicht da war.
Man muss es so deutlich sagen: Ohne Hüsing gab es in Braunschweig auf die Fresse.

Randnotiz 1: Der Abwehrchef zeigte in den ersten Spielminuten noch groteske Züge von Oumar Kondé, als er den Braunschweiger per Fehlpass beinahe das 1:0 schenkte. Danach grätschte Hüsing vieles ab, tat wie immer alles für die Mannschaft – übernahm sogar fast das Toreschießen. Dann wäre er endgültig der größte “Hüse” im Hansa-Trikot gewesen.

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Der Systemschmarotzer

Endlich wieder 5-3-2. Ich mag das System. 2003/04, im letzten schönen Bundesliga-Jahr, spielte Hansa oft in dieser Formation. Ronald Maul und R. Tjikuzu auf den Außenbahnen, ein paar Schränke in den Innenverteidigung. Das passte, weil es erfolgreich war. Der Vorteil des Systems ist simpel: Die Defensive wird durch die Fünferkette stabilisiert. Durch drei gelernte Innenverteidiger ist die Lufthoheit im eigenen Strafraum (vermeintlich) gesichert. Offensiv mutieren die Außenverteidiger zu Flügelspielern, die hinterlaufen können und Überzahlchancen auf der Außenbahn schaffen. Idealerweise resultieren daraus gute Flanken, die perfekterweise irgendjemand zwischen die Aluminiumstangen köpft.

Weiteres Plus: Auch ein Innenverteidiger kann aus der zentralen Dreierkette aufrücken und den Spielaufbau stärken und im Zentrum Überzahlsituationen schaffen. Ein 5-3-2 stellt den Gegner vor große Probleme, weil – in der Theorie – sieben bis acht Spieler eine aktive Funktion in der gegnerischen Hälfte einnehmen. Was es für ein 5-3-2 braucht? Außenbahnhengste mit Pferdelunge, die ohne Tempolimit Spurt an Spurt reihen.

Was Hoffnung machen darf: Am Sonntag zeigte sich in ein paar Szenen, dass der FC Hansa dafür die richtigen Spieler haben könnte. Mit Lukas Scherff und Maximilian Ahlschwede knatterten am Sonntag – zumindest zeitweise – zwei Dieselmotoren ohne Getriebeschaden an der Seitenlinie entlang. Während Ahlschwede einer der schnellsten Spieler der Dritten Liga ist und das in Braunschweig auch ein, zweimal andeutete, könnte Scherff zum “Systemschmarotzer” werden. Und das ist ausdrücklich positiv gemeint. Scherff war bisher ein Spieler, der weder Verteidiger noch Mittelfeldaußen richtig gut konnte. Hinten war er zu hibbelig, unkoordiniert und kopfballschwach, vorne fehlt so einiges mehr. Im 5-3-2 werden seine Stärken am besten betont und seine Schwächen kaschiert. Gegen die Niedersachsen zeigte er anständigen Drittliga-Fußball, mit Makeln und Lichtblitzen. Und man darf ahnen: Da ist wieder was drin für Hansas bissigsten Rollenspieler.

Randnotiz 2: Meine Wunschaufstellung auf meinem Mandarin-Klatteblog: Gelios – Scherff – Riedel, Bülow, Hüsing – Ahlschwede – Pepic, Biankadi – Hilßner, Breier, Soukou

Randnotiz 3: Guillaume Cros, der Neuzugang aus Jena, ist ein guter Mann.

Jens Härtel fährt lieber Dacia Duster als Scirocco

Letztens habe ich Marco Königs in der Stadt gesehen und war überrascht. Die Kante war nicht so kantig wie vermutet.

Auf dem Fußballplatz wirkt Königs mit seiner Körpersprache so bullig wie ein Darsteller aus einem spartanischen Historien-Epos. Das spricht für ihn: Königs Körperspache, ja sein ganzer Habitus ist manchmal hüsingverdächtig. Eine Mannschaft braucht solche Charaktere.

Ich persönliche Vergleiche den Stürmer Königs am liebsten mit einem Dacia. Ein zuverlässiges Auto. Springt an. Bringt einen von A nach B. Heult manchmal laut auf – und ist – solange man nicht auf dem Rostocker Ikea-Parkplatz das Fahren lernt – nicht kaputtzukriegen. Der Statustürmer für alle, die keinen Statusstürmer brauchen.

Was ich oft denke: Wie zuverlässig und sympathisch das eine ja sein mag, viele andere Trainer würden sicher auf etwas mehr Bumms setzen. Auf Pascal Breier zum Beispiel, dem Scirocco im Hansa-Fuhrpark. Und ja: Ich werde diesen Stürmer solange in den Himmel heben, bis die gegnerischen Tore wieder beben.

Sein Chancen-Verbrauch ist ein Problem. Er hat momentan nicht das größte Selbstvertrauen und die Präsenz seiner ersten Rostocker Tage. Doch danach kann ein Trainer schürfen. Am Sonntag in Braunschweig gab es nämlich ein, zwei Szenen, in denen man Breier vermissen musste. Zum Beispiel, als Biankadi sich in der ersten Halbzeit einmal prächtig löste und den Ball wie ein Quarterback lang auf Königs hob. Während Breier mit Technik und Geschwindigkeit daraus hätte Profit schlagen können, bekam Königs keine Kontrolle über die Pille.

Oft habe ich bei Königs den Eindruck, dass seine Laufwege keine Pass-Schneisen für ihn oder die Mitspieler öffnen, sondern eher verbauen. Nicht Falschverstehen: Seine Rolle als Zielspieler erfüllt Königs manchmal volltrefflich, er schoss schon sehr wichtige Tore. Doch wird er hart und eng verteidigt, leuchtet im Hansa-Sturm schnell die Warnblinkanlage.

Die Stock-Watch: Habemus Pepic

Aufsteiger: Mirnes Pepic. Ich gebe zu, ich habe nicht mitgestoppt, aber er wirkte nicht mehr so schläfrig. Er zog das Spiel mehr an sich, hielt die Bälle – gefühlt – nicht mehr so elendig lange. Hat Härtel endlich den Uhu-Kleber von den Schuhen gespült? Seine Körpersprache beeindruckte auf einmal mit Puls. Klar – es gab auch graue Schattierungen in seinem Spiel. Aber bis auf die Frise gab es viele lichte Momente, die Hoffnung machen, dass ich bald eine Überschrift aus der Header-Hölle herausholen darf: “Habemus Pepic”.

Absteiger: Cebio Sokou. In der Vorrunde ließ er viele Fans oft „Sooguut“ stöhnen. Doch gegen Braunschweig spielte er wie Silvio, mein AWT-Referendar in der achten Klasse. Der lief schlapp und inspirationslos, irgendwie abwesend durch die Gegend und blühte erst auf, als ein grenzdebiler 14-Jähriger (nicht ich) fragte, ob er, Silvio*, an manchen Abenden mit offener Hose vor dem Fernseher säße. Kein Scheiß – hat sich genauso und eigentlich noch viel schlimmer zugetragen. Silvio explodierte, ihr könnt es euch nicht vorstellen. Was ich sagen will: Vielleicht sollte man den guten Cebio ein bisschen kitzeln.

*Name geändert.

Randnotiz 4: Ausblick auf das nächste Spiel: Ich bin Optimist. Die Patriots kriegen Haue, und in Wiesbaden gibt es für Hansa einen Punkt. Weil Königs, der Stier, ein Kopfballtor macht.

Mail-Bag: Die Leserfrage der Woche

„Warum gab es von dir keine Kritik an Vorstandsboss Robert Marien im letzten BTB-Artikel?“

Ich schätze Robert Marien eigentlich. Er macht einen seriösen Eindruck. Viel wichtiger: Der Verein macht im Marketing einiges richtig. Das generelle Problem bei der Kritik an Vorständen und Aufsichtsräten: Man kann das Geschehen nicht so gut beäugen wie die Entwicklung einer Mannschaft auf dem Platz. Man ist also, sofern die Geschäftsstelle nicht verwanzt ist, von internen Quellen abhängig. Und dort gilt: Niemand gibt Infos ohne Grund heraus. Oft steckt eine Strategie dahinter, eine “Geschichte hinter der Geschichte”. Manchmal sind es sogar Intrigen. Dieses Gebaren will ich nicht unterstützen und halte mich von daher bei Dingen, die ich nicht aus vertraulicher und koscherer Hand habe, mit Mutmaßungen und Einschätzungen zurück. Marien ist sicher nicht fehlerlos. Aber ich sehe ihn noch immer – mit Kratzern im Lack – überwiegend positiv.

Hannes Hilbrecht

Hannes Hilbrecht schreibt und schrieb nebenbei für ZEIT ONLINE, NDR.de und den Berliner Tagesspiegel. Füllt ein Marketing-Magazin mit Liebe (GrowSmarter.de) Und er liest eine spannende Case Story genauso gerne wie den neuen Roman von Ralf Rothmann.