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„Das Interesse für höherklassigen Fußball ist da“

Heute ist Dr. Tim Cassel (Foto) der zweite Mann beim Schleswig-Holsteinischen Fußball Verband, zu Beginn der 2000er spielte er für drei Jahre an der Lohmühle. Wenige kennen den VfB Lübeck aus so unterschiedlichen Perspektiven. Wir haben mit dem ehemaligen Torwart über die bewegte Geschichte des Vereins zwischen 2. Bundesliga, „Molle“ Schütt, doppelter Insolvenz und den kompletten Neuanfang gesprochen.

Herr Cassel, Sie sind 2001 zum VfB Lübeck gekommen. Wie haben sie den Verein zu dieser Zeit wahrgenommen?
Der VfB als schleswig-holsteinischer Traditionsverein mit großen Ambitionen hat sich schon damals auf den Weg gemacht, in den Profifußball zurückzukehren. Mit Dieter Hecking wurde in der vorherigen Saison ein Trainer der jungen Generation verpflichtet, bei dem klar war, dass er einiges vorhatte, neue Ideen mitbrachte und beim Verein auch einiges bewegen könnte. Diese Hoffnung hat sich letztendlich auch bewahrheitet.

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Der VfB hatte es damals zum zweiten Mal geschafft, in die 2. Liga aufzusteigen – und stieg erneut nach dem zweiten Jahr wieder ab. Warum konnte der Verein sich nie längerfristig etablieren?
Schleswig-holsteinische Vereine haben es auf Grund der strukturellen Situation im Land ungleich schwerer. Die Standortnachteile müssen mit besonderer Kreativität ausgeglichen werden. Was das Finanzielle anging, war der VfB Lübeck damals auch nicht gerade auf Rosen gebettet. Also hat man versucht, durch fachliche Kompetenz Spieler zu bekommen, die in der Lage sind, die 2. Liga zu halten. Das wurde ergänzt durch Talente aus der eigenen Umgebung. Wir waren damals sechs Spieler, die aus Lübeck und dem Rest des Landes kamen. Insofern waren der Aufstieg und das erste Jahr wirklich sehr gut. Und wenn man sich die Saison anschaut, haben wir ja bis März oder April noch eine sehr gute Runde gespielt, auch im DFB-Pokal-Halbfinale in Bremen ein wirklich tolles Spiel hingelegt. Dann ging es letztendlich abwärts, da viele verschiedene Faktoren zusammenkamen.

Wie stellen sich die Standortnachteile denn konkret dar?
Das Wesentliche ist, dass das wirtschaftliche Umfeld nicht so stark ist und war. Es war in Lübeck so, und das wird jetzt hoffentlich in Kiel im Falle eines Aufstiegs auch so sein, dass die Zuschauer kommen werden. Das Interesse für höherklassigen Fußball ist da. Was fehlte, ist dass die größere Wirtschaft den Verein unterstützt hat. Und das ist in anderen Regionen, gerade in Süddeutschland, anders.

Sie haben sich in Ihrer Dissertation mit der Bedeutung des Fußballs über rein sportliche Aspekte hinaus befasst. Denken Sie Politik und Wirtschaft hätten sich in ihrem eigenen Interesse stärker beim VfB Lübeck engagieren müssen?
Das sind Sachen, zu denen ich mich, ohne einen guten Einblick zu haben, nicht äußern kann. Um es allgemeiner zu formulieren: Ich denke, dass ein Verein wie der VfB Lübeck für das Image der Stadt Lübeck einen sehr bedeutenden Faktor darstellt. Das sieht man in Städten einer vergleichbaren Größenordnung.

In Lübeck sind die großen Zeiten mit dem ehemaligen Wirtschaftsratsvorsitzenden und Gönner „Molle“ Schütt verknüpft. Wie haben Sie als Spieler ihn und seine Rolle im Verein erlebt?
„Molle“ war als alter VfBer natürlich eine Institution. Man muss sagen, dass ihm der Aufstieg und die Weiterentwicklung des Vereins zu verdanken war. Nichtsdestotrotz ist es für eine einzelne Person heute im Profisport schwer, so etwas zu gewährleisten. Letztendlich muss ein Verein, damit langfristiger Profifußball finanziert werden kann, auf eine breite Basis gestellt werden. Das ist in Schleswig-Holstein grundsätzlich schwierig. Insofern gebührt ihm der Dank für das, was damals erreicht worden ist. Dass es irgendwann in die andere Richtung ging, hat dann weniger mit ihm, sondern viel mehr mit der Gesamtsituation zu tun.

Hat man es in Lübeck damals verschlafen, diese breite Basis zu schaffen?
Verschlafen würde ich nicht sagen, aber es sind damals Sachen nicht gemacht worden, die heute zum Profifußball dazu gehören. Wenn ich mir heute anschaue, wie sich der Verein präsentiert, wie versucht wird, den Verein als Lübecker Club in der Stadt zu verankern, glaube ich, dass man das damals schon hätte machen können. Man muss auf diesen Faktor setzen und das ist für mich auch der Grund, warum es der VfB aus dieser schwierigen Situation heraus geschafft hat. Dort sind jetzt viele, die ein sehr bodenständiges Denken pflegen.

„Molle“ Schütt hat in diesem Zusammenhang mal gesagt, Stadt und Menschen hätten die zweite Liga nicht verdient. Teilen sie die Auffassung, dass dem VfB viel zu lange die Bindung zu seiner Stadt gefehlt hat?
Der VfB Lübeck hat einen wirklich guten Zuschauerstamm. Das war schon damals der Fall. Aber was ich eben auch sehe, ist, dass die Lübecker Wirtschaft durchaus mehr Unterstützung hätte zeigen können. Dass die Stadt es nicht verdient hat, glaube ich nicht. Es ist immer sehr schwer, einen Verein von der Größenordnung des VfB Lübecks im Profifußball zu etablieren. Das geht auch vielen anderen Vereinen so, die sich auf dieser Schwelle zwischen gehobenem Amateurfußball und Profisport bewegen. Es ist schwierig, diesen Spagat immer wieder zu gehen, dass man in einer Liga spielt, in der man nicht die ganz großen Einnahmen hat, aber der Kostenfaktor bei Umfeld und Spielern dennoch groß ist. Der VfB ist nicht der einzige Club, der da in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten ist.

Der VfB hat lange in der zweigeteilten Regionalliga gespielt, was für viele Vereine ein finanzielles Fiasko war. Waren das die Jahre, die dem Verein vor den Insolvenzen das Genick gebrochen haben?
Um das zu beurteilen fehlt mir das wirtschaftliche Detailwissen. Ich kann nur sagen, dass das für Vereine der Größenordnung des VfB Lübeck sehr schwer war. Wenn man heute in die dritte Liga kommt, muss man sicherlich eine Menge an Voraussetzungen bringen, aber man hat natürlich auch einen ganz anderen Einnahmefaktor der früher nicht gegeben war.

Wie haben Sie die Insolvenzen des VfB wahrgenommen und hatten Sie jemals Angst um die Existenz des Vereins?
Absolut. So wie man es aus der Presse entnommen hat, war die Situation ja zwischendurch extrem schwierig. Es ist grandios, wie die Verantwortlichen damals gehandelt haben und wie sie es geschafft haben, den Verein aus dieser schwierigen Situation zu retten und ihn dorthin zu führen, wo er jetzt steht. Man hat eine gute, entwicklungsfähige Mannschaft, von der in den nächsten Jahren noch einiges erwartet werden kann. Man hat in der sportlichen Leitung absolute Topleute, was sowohl für den Herrenbereich als auch für den Jugendbereich gilt, und ist dabei, an alte Zeiten anzuschließen. Ich finde, dass auch alle Verantwortungsträger außerhalb des sportlichen Bereichs in den letzten Jahren einen sehr guten Job gemacht haben. Wie sie den Verein positionieren und darstellen, hat Hand und Fuß. Es ist eine gute Entwicklung, weil es mit Maß und Auge gemacht wird. Man merkt, dass sie schrittweise ein Konzept verfolgen, dass auch bei den Zuschauern Zustimmung findet. Wenn man diesen Weg weitergeht, wird die Zukunft des Vereins wieder sehr positiv aussehen.

Hat der VfB Lübeck das Potential mittelfristig wieder um die Vorherrschaft in Schleswig-Holstein mitzumischen oder ist Kiel einfach davongezogen?
Aktuell ist Kiel, das muss man so sagen, in jeder Hinsicht davongezogen. Aber ich glaube schon, dass der VfB Lübeck langfristig wieder dort hinkommen kann, wo Holstein heute ist. Neben Kiel ist der VfB nach wie vor der Traditionsverein in Schleswig-Holstein, das Aushängeschild. Lübeck hat ein grandioses Stadion und grandiose Zuschauer, die höherklassigen Fußball einfach verdient haben. Wenn man all diese positiven Faktoren nutzt und das Ziel mit Geschlossenheit verfolgt – und den Eindruck hat man momentan beim VfB Lübeck – dann bin ich davon überzeugt, dass Verein dort wieder hinkommen kann.

Ist in Schleswig-Holstein Platz für zwei Profimannschaften oder graben die sich gegenseitig das Wasser ab?
Es ist mit Sicherheit Platz für zwei Profimannschaften. Weil einfach beide ein unterschiedliches Einzugsgebiet haben. Ich glaube, das würde sich nicht beißen, sondern sich im Gegenteil positiv stimulieren. Wenn man hier zwei Profimannschaften hätte, wäre das für die gesamte Fußballlandschaft im Norden nur positiv, auch gerade mit Blick darauf, die Talente, die man hier im Land hat, spielen zu lassen.

Im Jahr 2019 feiert der VfB Lübeck seinen 100. Geburtstag. Was wünschen Sie ihm zum Jubiläum?
Ich wünsche ihm, dass der Weg, der eingeschlagen worden ist, so weiter geht, und dass man sich Schritt für Schritt in die Richtung entwickelt, mal wieder in die dritte Liga aufsteigen zu können. Dass man dies allerdings, so wie es die Verantwortlichen gerade machen, mit Maß und Bedacht angeht und die gute Situation, die man jetzt bereits wieder erreicht hat, Schritt für Schritt weiter entwickelt.

Tim Pommerenke