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Der neueste Neuanfang

Hansas größtes Problem ist nicht das Chaos der letzten Tage, sondern die Verklärung von mittelmäßigen sportlichen Figuren zu überzeichnete Helden. Das neue Duo Martin Pieckenhagen und Jens Härtel ist daher vor allem eines: Eine Chance.

1. Diagnose: Morbus Hansa

Der Moment, der die Crux des FC Hansa Rostock in den vergangenen Jahren am besten ausdrückte, war keine Niederlage oder Abstieg. Es war eine Einwechslung. Eine einfache, verdammte Einwechslung. Marcel Ziemer schritt zur Seitenlinie. Konzentriert, behäbig, das Trikot spannte an Hüfte und Brust. Die Fans johlten: Ziemer. Ziemer. Ziemer. Ziemer, ein begnadeter Stürmer, im ersten Jahr in Rostock sicher der beste in der Dritten Liga, spielte eine Saison herausragend gut, doch danach kam nichts mehr. Trotzdem wurde er verehrt, ja vergöttert. Kritik gegen den Helden, die er sich wegen Unfitness und wenig inspirierenden Leistungen zusehends verdiente, war trotzdem auf den Tribünen gefährlicher als der Kokainschmuggel nach Malaysia. Es war blinde Verehrung. Laut, herzlich, ohrenbetäubend und vor allem – blind.

Nicht das erste Mal

Man muss sich das vorstellen: Ein Spieler, der, wenn er spielt, eine schockierende Schwachstelle, ja ein Hemmnis ist, wird vom Publikum nicht nur gefeiert. Er wird gefordert. Willkommen in Rostock. Es ist nicht das erste Mal, dass ein früherer Erfolg, also das Vergangene, den Blick auf die Gegenwart vernebelte. Ich nenne es, um zu provozieren, Morbus Hansa. Peter Vollmann stieg mit Hansa auf, vercoachte sich dann dramatisch oft und führte nach seiner Rückkehr den Verein in Shinkansen-Geschwindigkeit in Richtung Amateurfußball. Er durfte länger als andere verlieren, weil er der Aufstiegsheld war. Er durfte überhaupt nur aus einem Argument wiederkommen: Weil er der Aufstiegsheld WAR. Marc Fascher reichten vier Spiele und viele Emotionen, um ein halbes Jahr Schauderfußball zu überdecken. Er litt ja so schön mit, seine Armen rotierten mehr als ein Helikopter. Und dann noch seine Pressekonferenzen. A-U-T-H-E-N-T-I-S-C-H.  Das reichte nicht für eine Vertragsverlängerung, aber für „Fields of Gold“ von Sting in einem Tribut-Video.

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Und Pavel Dotchev?

Wer in den letzten Monaten kein Hansa-Spiel gesehen hatte, dafür jetzt aber in Foren und Leserbriefspalten las, könnte glauben, Pavel Dotchev hätte eine Mannschaft zu Meisterschaften und Pokalen geführt, die Holzhalbinsel wieder sexy gemacht, das grüne Ungeheuer renoviert und mit Hansa ein gutes Jahr gecoacht. Dotchev bekam mehr Liebe als ein Eisbärenbaby zur Weihnachtszeit in einem provinziellen Zoo. Warum eigentlich?

Weil er drollige Interviews gab? Weil seine Art sympathisch war, er eine Mannschaft mitformte, die manchmal, aber wirklich nur manchmal dem Gegner richtig Haue geben konnte (gegen Kaiserslautern).

Ein redliches Ziel

Hansa wollte aufsteigen, ein redliches Ziel. Und, auch wenn Leserbrief-Autoren und Petitions-Aktivisten anderes behaupten: Es war auch ein anfangs sehr realistisches. Hansa hat, das sagen viele Beobachter, eine der besten Mannschaften der dritten Liga zusammen. Spieler, die in fast jeder Drittliga-Mannschaft gesetzt wären. Oliver Hüsing. Merveille Biankadi. Cebio Soukou. Marcel Hilßner. Das ist State-of-Art, im US-Sport würde man sie als Blue Chips bezeichnen. Typen, um denen man eine Mannschaft nicht nur aufbauen kann, sondern eigentlich muss. Die, wenn in Topform, auf einem anderen Level als ihre Gegenspieler sind. Der gute Hansa-Kader hört nach diesen vier Namen nicht mal auf.

Wie gut er ist?

Hmm. Gut genug, um besser als zwei schlechte Bundesligisten zu sein. Zumindest in sehr guten Phasen. Die besagten und leider wenigen Ausreißer nach oben sind die beste Kritik am beurlaubten Trainer: Denn Hansa konnte unter Dotchev das gesamte Potenzial nie konstant abrufen – es tropfte nur langsam aus der Flasche. Als ob ein großer Korken im Flaschenhals steckte.

Ein paar Beobachtungen von mir //

1. Eine Mannschaft mit diesem Potenzial, die durch die Wiederkehrer Hüsing und Hilßner im Laufe der Saison ein starkes Update erhielt, wurde bis auf ein, zwei positive Ausreißer immer schwächer und limitierter. Während sich Konkurrenten um den Aufstieg wie Karlsruhe prächtig entwickelten, holte der FC Hansa in der zweiten Hälfte der Vorrunde sogar mehr Punkte als er sportlich verdient gehabt hätte.

2. Sämtliche Leistungsträger und potenzielle Topspieler mit Ausnahme von Hüsing und Biankadi rutschten in ein Formtief. Spieler, die besser hätten werden müssen, wurden schlechter. Wer meint, es sei allein Aufgabe der Spieler, das Niveau zu halten oder zu verbessern, kann den Trainerjob gleich ganz abschaffen und ein Plüsch-Pikachu auf die Bank setzen.

3. Hansas größte Schwachstelle waren in den letzten zehn Monaten die Außenverteidiger-Positionen. Zur Erinnerung: In den ersten sechs Monaten der Dotchev-Amtszeit spielte die Stammviererkette aus Nadeau-Hüsing-Riedel-Holthaus größtenteils solide bis sehr gut – sie war eine Stärke. Seitdem dieses Konstrukt für die Dotchev-Proteges Rankovic und Rieble/Scherff ohne Not im Februar 2018 aufgelöst wurde, entwickelt sich aus einer Stärke die Achillesferse der Mannschaft. Ein hausgemachtes Probelm. Der Sportdirektor Christian Hock von Wehen-Wiesbaden gab in einem Halbzeitinterview sogar ganz ungeniert zu, genau diese Schwachstellen bewusst anzugreifen. Wehen schoss auf diese Weise ein Tor, Unterhaching kurz darauf zwei weitere. Und es folgten noch einige andere. Rankovic und Scherff sehen durch ihre Sprints und ihren Drang nach vorne für Laien gut aus, doch ihr Verhalten im Raum ist abenteuerlich. Insbesondere Scherff, der rennt, kämpft, ein Testimonial für Herzblut ist, entblößt seine Seite immer wieder aufs Neue. Bitter für Abwehr-Ass Julian Riedel, der manchmal, so scheint es, zwei Positionen spielen muss und daher im Zentrum nicht immer da ist, wo er sein sollte.

4. Mirnes Pepic besitzt eine der wichtigsten Eigenschaften, die ein guter Fußballer haben muss: Tempo am Ball. Auch ist er beweglich. Er kann schneidige Pässe spielen und unter hohen Druck eiskalt abschließen – das alles hat Pepic gegen den VfB Stuttgart und ein paar andere Male gezeigt. Leider ist „ein paar Mal“ nicht oft. Pepic ist der Julian Weigl der Dritten Liga. Einer, der gerne den Ball hält, der ihn ungerne verliert. Der bevorzugt zur Seite und nach hinten den Ball schiebt. Bloß kein Fehlpass. Oft durfte man sich in der Hinrunde ärgern und graue Haare kriegen, weil Pepic, der Talentierte, sich nicht den mutigen Pass zutraute.  Das ist aus zwei Gründen tragisch und dem Trainer anzukreiden: 1. Pepic machte immer wieder die gleichen Fehler – drehte ängstlich ab oder hielt den Ball so lange, bis er und seine Mitspieler zugestellt wurden. Er lernte wenig dazu. 2. War er, Pepic, doch unangefochten auf der wichtigsten Positionen im modernen Fußball – der Mittelfeldzentrale. Und gerade in diesem sensiblen Bereich bot die Mannschaft durchaus Alternativen. Zum Beispiel Merveille Biankadi, dem besten Hansa-Spieler der letzten drei Jahre. Zwangs-Außen Biankadi spazierte an guten Tagen so selbstsicher durch gegnerische Mittelfeldzentren wie Hank Moody durch kalifornische Schlafzimmer.

5.  Als Pavel Dotchev mit Erzgebirge Aue aufstieg, tat er das in der Ästhetik der griechischen EM-Götter. 38 Spiele, 42 Tore, 21 Gegentore. Respektabel, und meist wurden die Siege nach Schema F eingetütet: Tor schießen, hinten dicht machen. Wenn es klappt: Super! Selbigen Detox-Fußball wollte Dotchev auch schon in der Vorsaison mit Hansa praktizieren. Gegen Paderborn, dem Spiel, als Dotchevs Stern zu sinken begann, stellte seine Mannschaft nach der 2:0-Führung das Offensivspiel ein. Das rächte sich. Das kostete die damals noch reelle Aufstiegschance.

Auch in dieser Saison begann Hansa  oft gut, verwaltete aber Führungen lieber als Entscheidungen zu suchen. Ohne Not stülpte Dotchev sein Team in die Kleider eines durchschnittlichen Teams, was dafür sorgte, dass eine Mannschaft mit Rauschpotenzial sich nie in einen solchen spielen konnte. Man denke an die formidable erste Halbzeit (3:0) gegen Fortuna Köln, in dem sich die Mosaiksteine zu fügen schienen – nach der Halbzeit jedoch eine andere, eine schlaffe Mannschaft auf dem Feld stand.

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6. Markus Thiele mahnte in seinem letzten Halbzeit-Interview die fehlende taktische Flexibilität an. Wie richtig er damit lag: Nicht nur, dass sich Hansas Grundordnung trotz unterschiedlicher Gegner kaum veränderte, auch wurde kaum versucht, mit Spieler Rochaden der begabtesten wie Soukou oder Biankadi mehr Kontrolle zu gewinnen und den Negativtrend zu stoppen. Gerade Soukou, der Gegner über- und Offensivaktionen damit erspielen kann, hing als Spitze oft in der Luft.

Dotchev ist ein Überzeugungstäter, der einen Plan hat, und diesen durchzog. Das ist per se nicht schlecht, es mag integer sein und konsequent – aber in den letzten Monaten war es vor allem: erfolglos.

Ach ja.*Dotchev und Streit mit Vorgesetzten? Gab es auch in Aue – auch damals ging es für den Sportdirektoren nicht gut aus. Steffen Ziffert wurde nach dem Aufstieg entbunden. Die Trennung? Alles andere als freundschaftlich. Hört man sich in der Branche um, wird der gute Riecher für Talent gelobt, die charmante Art. Es fällt aber auch das Wort “kleine Diva.” Dass Dotchev, so das hatnäckige Gerücht, um Spieler, die der Sportvorstand Thiele verpflichtet hatte, einen extra großen Bogen machte und eigene Transfers mit besonderer Hingabe protegierte, wird dadurch allerdings noch nicht gleich wahr. Klar ist allerdings auch: Thiele tat genau das, was Kritiker bei seinem Vorgänger Rene Schneider vermissten: Er mischte sich ein. Kritisierte, als es angebracht war.

Meine two-Cent: Ich hätte für Markus Thiele ein Petition unterschrieben. Aber dem fehlte wohl vor allem eines: der Charme.

Und jetzt? Martin Pieckenhagen.

Als ich ein kleiner Junge war und im Tor der Pamperstruppe aus Sanitz stand, war „Piecke“, der Mann, der mit der Eckfahne tanzt, mein Idol. Bestens daran zu erkennen, dass ich mein Kaugummi auf dem Sportplatz mit der gleichen Hingabe wie er zermalmte.

Bei vielen, mit denen ich über Hansa diskutiere, ist die Ernüchterung über seine Personalie groß. Ein Freund schrieb: „Abstiegskampf 2019“. Ein anderer: „Das Beste ist seine Vertragslaufzeit.“ Pieckenhagen hat keine große Vita als Manager. Große Erfolge bringt er nicht mit. Über sein Projekt in Schwerin wird geschmunzelt. Und das nicht zu Unrecht, wir von Blog-Trifft-Ball waren beim Auftakt vor ein paar Jahren dabei. Canapes, Hostessen, Audi-Autohaus, eine Grußbotschaft von Pieckenhagen-Bekannten Thomas Tuchel und eine zwischen Karossen aufgereihte Mannschaft in schicken Trainingsanzügen. Diesem Glamour wurde das Projekt nie gerecht.

Aber schließt das Erfolg gleich aus?

Nicht unbedingt. Ein Best-Case-Szenario: Pieckenhagen hat sich oft um diesen Job beworben, darf man in den Medien lesen. Er hat nie aufgehört. Das darf man ihm nicht negativ auslegen – es zeugt von seiner Hartnäckigkeit, von Ehrgeiz. Pieckenhagen wird wissen, dass ihn viele anzweifeln. Das es keinen Beliebtheitsbonus für ihn gibt, mit dem er vereinsinterne Grabenkämpfe führen kann. Mit Jens Härtel holte er den auf den Papier vielversprechendsten Kandidaten. Manche bezweifelten zuvor, ob sich der Ex-Magdeburger Hansa in dieser komprimierenden Situation antut. Pieckenhagen überzeugte ihn und wählte keinen Trainer, um die emotionale Hansa-Seele zu streicheln, sondern einen, der vor einiger Zeit anderen Küste aneckte. Pieckenhagen hat nur ein Jahr Zeit, und das wird er nutzen wollen. Und im Sommer gibt es mit Kevin Müller die Kirsche auf der Sahnetorte.

Zum Abschluss: Die Stock-Watch, wer bleibt gut, wer wird besser, wer stürzt ab, wer ist das Fragezeichen.

Wer bleibt gut: Merveille Biankadi. Man muss als Verantwortlichen fast hoffen, dass er nicht noch besser wird. Sonst ist er sicher weg. Könnte, wenn er dürfte, im Zentrum noch mehr Spielanteile bekommen. Und das ist eine Faustregel: Ein Ball zu Biankadi ist ein guter Ball. Immer, zu jederzeit. Das Duo Bianbülow wäre eines, das sich ergänzt.

Wer steigt auf: Pascal Breier. Auf der Außenbahn wurde er mitsamt seinen Stärken verbrannt. Zur Erinnerung: Seine erste Minuten in Rostock jähren sich bald. Sie waren beeindruckend. Wer es vergessen hat: Breier hat einen gewaltigen Schuss, ist schnell, technisch begabt und hat verdammt viel Dampf auf dem Kessel.

Wer muss sich strecken: Mirnes Pepic. Das Gute: Vielleicht ist frischer Wind das Beste, was ihm passieren kann. Ruft er alles ab, bin ich der erste, der sich sein Trikot kauft.

Die Fragezeichen: Phil Ofusu-Ayeh und Marcel Hilßner.

Bleibt er, der Ofusu-ICE fit? Wenn ja: Sein Tempo und seine Härte sind in der Liga einmalig. Marcel Hilßner spielte mit Ayeh an seiner Seite auf einem anderen Level. Dass Hilßner sein Formtief überwinden wird, ist wahrscheinlich. Dafür ist er zu gut. Wie gut er wird, hängt aber auch davon ab, wer hinter ihm kickt.

In der nächsten Ausgabe: 111 – 105 Gründe, warum Jens Härtel dem Verein gut tun wird.

Hannes Hilbrecht

Hannes Hilbrecht schreibt und schrieb nebenbei für ZEIT ONLINE, NDR.de und den Berliner Tagesspiegel. Füllt ein Marketing-Magazin mit Liebe (GrowSmarter.de) Und er liest eine spannende Case Story genauso gerne wie den neuen Roman von Ralf Rothmann.