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Die Geschichte eines Stadions am Volkspark

Der Senat hat entschieden: Noch dieses Jahr wird mit dem Bau der neuen Arena in Stellingen begonnen – ein weiteres Kapitel in der wechselvollen Geschichte eines Stadions am Volkspark.

Text: Martin Sonnleitner | Ersterscheinung 28. Februar 1997 taz Hamburg
Foto: twitter.com/HSV

Fast jeder Hamburger kennt das Volksparkstadion. Doch entgegen weitverbreiteter Annahmen ist das Stellinger Rund nicht hanseatischen Ursprungs. Auch wenn sich die Pfeffersäcke gerne auf die Betonschüssel berufen – das ursprüngliche Stadion wurde im einst unabhängigen Altona gebaut, zu dem der Volkspark damals gehörte.

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Mit einer „großzügigen und glänzend gelungenen“ Turn- und Sportwoche vom 13. bis 20. September 1925 wurde das Stadion eingeweiht. Der Sozialdemokrat Max Brauer, von 1924 bis 1933 Altonaer Oberbürgermeister, wollte Altona architektonisch in eine moderne Stadt verwandeln. Bauverantwortlicher war in dieser Zeit der parteilose Gustav Oelsner. Bei seinem Amtsantritt machte Brauer deutlich, wie wichtig ihm die Umgestaltung Altonas war. „Ich werde nicht ruhen, bis unsere Stadt nicht mehr eine westliche Vorstadt Hamburgs ist, sondern mehr und mehr erfüllt wird von kommunalem Eigenleben.“ Es müsse gelingen, „eine soziale und kulturelle Verkümmerung“ neben dem reichen Hamburg zu vermeiden.

Zur Einweihung des Stadions pries Brauer den Volkspark: „Unsere Bevölkerung, die in Fabrik und Kontor tätig ist, soll hier draußen in Freiheit und Schönheit körperliche und sittliche Kraft sammeln.“

Die gesamte Stadionanlage war in mehrere Übungsfelder aufgeteilt. Auf der Gesamtspielfläche von fast 125 000 Quadratmetern gab es fünf Übungsfelder, jeweils in Größe eines Fußballplatzes, drei Spielfelder für Hockey, zwei Faustballplätze, ein Planschbecken und ein Tanzplatz. Eine 400 Meter lange Laufbahn umgrenzte die Festwiese, das eigentliche Stadion, genau dort, wo heutzutage die HSV-Profis ihre Heimspiele austragen. Die überdachte Tribüne faßte damals 2 000 Sitzplätze, der Umlauf bot 40 000 Zuschauern Platz.

Der Hamburger Kunsthistoriker Hermann Hipp resümiert die damaligen Ereignisse im Kontrast zur Gegenwart: „Da, wo die Reformbewegung der 20er Jahre öffentliche Anlagen zur Förderung von Bildung errichtete, herrscht heute Primitivkommerzialismus.“ Sport und Kultur, früher eng zusammenhängend, seien in der Gegenwart voneinander getrennt.

Erste sportliche Höhepunkte im Altonaer Stadion waren 1927 das Fußball-Pokalfinale zwischen Nord- und Westdeutschland und das Länderspiel Deutschland gegen Norwegen. Auch zur Zeit des Nationalsozialismus waren Fußballspiele Massenveranstaltungen. 1937 wohnten 50 000 Menschen dem „Länderkampf“ gegen Schweden im Altonaer Stadion bei.

Dieses stand zwar genau an der Stelle, wo sich heute das Volksparkstadion befindet, doch geblieben ist von der damaligen Bausubstanz nichts. Die Betonwanne, wie sie heute existiert, wurde am 12. Juli 1953 eingeweiht. Das martialische Monument mit DDR-Flair wurde aus Kriegsschutt gebaut.

Das erste große Sportereignis fand 1954 statt. Die Kicker von Hannover 96 gewannen vor 76 000 Zuschauern gegen Fritz Walters 1. FC Kaiserslautern die Deutsche Meisterschaft. Der Hamburger SV entdeckte das Volksparkstadion vor den Toren der Stadt – „in der Pampa“, wie es damals hieß – erst ein Jahr später. Bis dahin wurden die Endrundenheimspiele um die Deutsche Meisterschaft noch am Rothenbaum ausgetragen. Doch die Platzkapazität reichte wegen des Zuschauerandrangs nicht mehr aus.

Als 1963 die eingleisige Bundesliga eingeführt wurde, zogen die Rothosen gänzlich nach Stellingen. Ursprünglich war geplant, je nach Attraktivität des Gegners das eine oder das andere Stadion zu nutzen. Doch der Deutsche Fußball-Bund untersagte dies. Der damalige Torwart Horst Schnoor, von 1952 bis 1970 beim HSV und lange Zeit Stammkeeper, schildert die Ambivalenz, mit der die Spieler den Umzug aufgenommen haben. „Die familiäre Stimmung des Stadions an der Rothenbaumchaussee war auf einmal nicht mehr da. Positiv war es, in einem großen Stadion auf Rasen, in der Bundesliga zu spielen.“

Der anfängliche Enthusiasmus legte sich schnell. Die Begeisterung auf den Rängen wurde geringer, wie auch der Zuschauerzuspruch. „Schon wieder da raus“, bekam Horst Schnoor des öfteren von Bekannten zu hören.

Von einer in den 50ern modernen Fußballarena inzwischen zu einer der unattraktivsten Spielstätten der Liga mutiert, wurde anläßlich der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland noch einmal investiert. Sportlich war es ein Desaster: Die DDR gewann in der Vorrunde dank Jürgen Sparwassers Tor mit 1:0 gegen die BRD.

Ende der 70er bis Anfang der 80er stieg das Volksparkstadion noch einmal aufgrund sportlicher Glanztaten des HSV zur Fußball-Kultstätte auf – architektonisch zweifelsohne ungerechtfertigt. Die letzte internationale Partie wurde 1988 ausgetragen – sie endete mit einer Niederlage für die deutsche Nationalmannschaft: Im Halbfinale der Europameisterschaft siegten die Niederländer 2:1.

In der neuen Arena sollen wieder WM-Spiele stattfinden. Das neue Volksparkstadion für 45 000 Zuschauer soll dort errichtet werden, wo Max Brauer vor 72 Jahren das erste Stadion einweihte. Dessen ursprüngliche Wünsche werden sich vermutlich auch diesmal nicht erfüllen.

Martin Sonnleitner

Sonnleitner ist seit 38 Jahren mit dem HSV verbunden, seit zwölf Jahren Rothosen-Reporter. Versucht mit Inbrunst zu trennen zwischen Herzblut und Expertise. Lieblingsspieler: Peter Nogly und Schorsch Volkert. Abstrahiert auch gerne mal den Fußball-Boulevard.