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FC Schönberg 95: „Nie ein Marketing-Projekt“

Der FC Schönberg 95 hat eine rasante Entwicklung genommen. Innerhalb von zwei Jahren ist der Verein von der 6. in die 4. Liga aufgestiegen. Der Sportliche Leiter Sven Wittfot erklärt, wie sich der Verein etablieren möchte und welche Probleme es zu lösen gilt.

Foto: J. Uphal – FC Schönberg 95; Sven Wittfot (rechts) mit Axel Rietentiet

Herr Wittfot, der FC Schönberg ist frisch in die Regionalliga aufgestiegen. Hat man in der Übergangsphase zwischen Saisonende und dem Start des Regionalliga-Abenteuers überhaupt so etwas wie Urlaub?
Die Spieler und Trainer ja, meine Person weniger. Zum einen weil ich im stetigen Austausch mit Beratern und Spielern stehe, zum anderen durch meine Funktion im Vorstand. Dort müssen wir den Verein auf die kommenden Aufgaben abseits des Platzes vorbereiten.

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Was müssen für Bedingungen erfüllt werden?
Oberste Priorität hat die Bereitstellung eines separaten Gästeblocks der bis zum 20.07.2015 fertiggestellt sein muss. Für die Installation einer Flutlichtanlage hätten wir dagegen zwei Jahre Zeit.

Wie teuer ist der Bau eines Gästeblocks?
Zwischen 35.000 und 40.000 Euro wird uns dieser Spaß kosten.

Also kann man davon ausgehen, dass der FC Schönberg plant, auch noch in zwei Jahren in der vierthöchsten Liga zu spielen um anschließend in das Flutlicht zu investieren?
Die Summe für den Gästeblock ist ja nur der Kostenaufwand für eine Auflage, die es zu erfüllen gilt. Zusätzlich werden auch in anderen Bereichen die Kosten erheblich steigen. Zum Beispiel für Anreise und Übernachtungen bei Auswärtsfahrten. Das alles investieren wir nicht, um nach einem Jahr wieder „Tschüss“ zu sagen. Wir möchten versuchen, uns in der Liga zu etablieren, keine Frage. Aber das ist eben nicht nur eine finanzielle, sondern vor allem auch eine sportliche Aufgabe.

Nun stellt sich die Frage: Warum so viel Aufwand, wenn vielleicht 500 Zuschauer im Schnitt kommen?
Es gibt einige Gründe. Da ist zum einen die Fußballbegeisterung, die wir gemeinsam an diesem Ort bündeln. Natürlich spielt da auch Uwe Blaumann und das Unternehmen Palmberg eine wesentliche Rolle. Unser gemeinsames Anliegen ist es, der Region höherklassigen Fußball zu bieten. Dazu kommt der sportliche Ehrgeiz, der alle Vereinsmitarbeiter und Unterstützer eint. Wir wollen erfolgreich sein. Dafür wird nicht nur Geld, sondern auch die Freizeit von vielen Vereinsmitarbeitern aufgebracht.

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Wie bitte??

Posted by BLOG-TRIFFT-BALL on Freitag, 19. Juni 2015

 

Hat der Verein dann noch einen werbewirksamen Mehrwehrt für das Unternehmen?
Nein. Dafür ist Palmberg mit seinem Jahresumsatz glücklicherweise viel zu groß geworden. Die Firma hat sich sehr rasant entwickelt, die Vorzeichen haben sich im Vergleich zu den Anfängen in der Beziehung zwischen Unternehmertum und Verein stark verändert.

War der FC Schönberg 95 denn damals ein reines Werbeinstrument für das Unternehmen? Gerade im Hinblick auf die Abenteuer im DFB-Pokal.
Der Verein war nie ein reines Marketingkonstrukt. Man darf ja nicht vergessen: Es wurde nicht nur eine Herrenmannschaft aufgebaut, sondern ein gesamter Verein samt Unterbau. Es galt nicht nur das Ziel, den größtmöglichen Erfolg mit der ersten Herrenmannschaft zu erzielen. Es wurde auch an den Nachwuchs gedacht, den wir fußballerisch sehr gerne fördern wollten und weiterhin entwickeln möchten. Die Erfolge mit den Teilnahmen am DFB-Pokal konnten zudem nicht eingeplant werden, die sind uns einfach, wie soll man es anders ausdrücken, in den Schoß gefallen.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Pokalspielen, unter anderem gegen Bayern München, und dem wirtschaftlichen Aufstieg Palmbergs?
Schwer zu sagen. Fakt ist: Die Firma ist auch dann noch weiter gewachsen, als der FC Schönberg nicht mehr so erfolgreich spielte, wie zu Beginn des Jahrtausends.

DFB-Pokal-Teilnahme oder Klassenerhalt – für was würden Sie sich entscheiden?
Eine schwierige Frage mit zwei Antwortmöglichkeiten. Wirtschaftlich würde die Teilnahme am DFB-Pokal von uns favorisiert werden, sportlich wollen wir aber ganz klar die Klasse halten.

Hat man als Regionalligist nicht per se die besseren Chancen, den Landespokal in Mecklenburg-Vorpommern zu holen?
Solange der FC Hansa in der Dritten Liga spielt, ist es immer ein bisschen utopisch, sich für den DFB-Pokal zu qualifizieren.

Also Daumendrücken, dass es für den FC Hansa bald wieder besser läuft?
Auf alle Fälle. In Schleswig-Holstein hat es ja geklappt. Da hat der VfB Lübeck vom Erfolg Holstein Kiels profitiert.

Apropos Lübeck. Beide Vereine befinden sich in naher Distanz, zudem verbindet auch das Unternehmen Palmberg die Klubs. Gibt es eine Kooperation zwischen den Vereinen?
„Kooperation“ wäre zu hoch gegriffen. Wir schätzen und verhalten uns im gegenseitigen Umgang sehr kollegial. Dennoch grasen wir, was Spielerverpflichtungen angeht, am gleichen Wasserloch. Da ist mal der eine schneller, mal der andere. Das sorgt bei unserem guten Verhältnis aber für keinen Streit.

Ist der VfB Lübeck, obwohl der Verein in einer anderen Regionalliga spielt, nicht der eigentliche Hauptrivale des FC Schönbergs? Zum Beispiel in der Zuschauergunst?
Wir müssen uns nichts vormachen: Lübeck besitzt ein ganz anderes Standing, da steckt viel mehr Fan-Leidenschaft dahinter. Wir sind froh, wenn wir wie gegen Malchow zu einem besonderen Anlass vor 1400 Zuschauern spielen dürfen. Und ebenso glücklich sind wir, wenn im nächsten Jahr 500-600 Zuschauer im Schnitt zu unseren Spielen kommen. Da bewegt sich der VfB alleine vom Umfeld her in schier anderen Dimensionen. Dennoch sind wir sportlich fast auf Augenhöhe. Das macht uns auch ein bisschen stolz.

Ein anderer Klub, den man mit dem FC Schönberg in Verbindung bringt, ist der FC Hansa Rostock. Wie sehr hat der Verein von der Hansa-Krise im Winter profitiert? Immerhin kamen mit Hahnel und Pett zwei enttäuschte Kräfte, für die in Rostock kein Platz mehr war.
Beide Spieler haben im Mannschaftsverbund eine tolle Rückrunde gespielt. Allerdings standen wir schon zur Winterpause weit oben in der Tabelle. Deshalb würde ich dem nicht allzu viel beimessen. Wir waren auch ohne diese starken Neuzugänge auf dem Vormarsch, wenngleich beide Spieler einen sehr wichtigen Beitrag zum Aufstieg geleistet haben.

Es wimmelt im Schönberg-Kader vor ehemaligen Hanseaten. Wird weiter nach Spielern gefahndet, die in Rostock zu scheitern drohen?
Wir werden mittlerweile häufig als Hansa III tituliert. Das ist natürlich Quatsch. Aber es ist doch nur logisch, dass sich unser Trainer Axel Rietentiet, der lange für den FC Hansa gearbeitet hat, an den Spielern orientiert, die er teilweise selbst trainieren durfte. Weiterhin werden wir bei den eigenen Kaderentwicklungen auch Rostock genau im Blick haben.

Wie sieht denn der bestmögliche Neuzugang für das kommende Spieljahr aus?
Bestenfalls ein U23 Spieler mit der Erfahrung aus 200 Regionalliga-Spielen.

Dürfte schwer zu finden sein.
Es ist der Wahnsinn, was seit etwas mehr als einer Woche bei uns an Spielerangeboten eingeht. Die Beraterszene überschwemmt die sportliche Führung mit Offerten, teilweise auch mit Aktiven aus dem Ausland.

Etwas besonders Ungewöhnliches dabei gewesen?
Ältere Spieler. Und noch viel ältere Spieler, darunter Akteure mit reichlich Profierfahrung. Die sehen das Unternehmen Palmberg hinter dem Verein und sagen sich: Hier können wir noch einmal richtig absahnen und viel Geld verdienen. Das ist aber nicht unsere Philosophie.

In der Regionalliga gibt es einige Profivereine. Wird der FC Schönberg auch einer sein?
Auf keinen Fall. Bei uns werden auch keine Profigehälter gezahlt, trainiert wird im Regelfall nachmittags oder am Abend, wenn die berufstätigen Jungs Feierabend haben. Allerdings gibt es die Option, dass wir auch mal vormittags trainieren, sofern sich das unsere studierenden und arbeitenden Spieler einrichten können. Sicher ist nur: Wir sind zum Beispiel nicht der BFC Dynamo, der mit einem riesen Etat im Vergleich zum FC 95 startet, um nur einen Namen zu nennen.

Nun hat der FC Schönberg zwei Aufstiege in drei Jahren gefeiert. Er prosperiert ähnlich wie das dahinterstehende Unternehmen. Liegt es nur an den wirtschaftlichen Möglichkeiten?
Es liegt vor allem an den Menschen, und somit natürlich auch an Uwe Blaumann und der Firma Palmberg, dass dieser Verein eine solch märchenhafte Entwicklung von der Verbandsliga bis hin in den viertklassigen Fußball nehmen konnte. Viele Verantwortliche kommen aus dem Fußball, waren selbst aktiv und wissen daher, wie man im sportlichen Bereich vernünftig arbeitet. Es ist deshalb nicht nur eine Frage des Geldes, auch wenn der finanzielle Faktor heute immer wichtiger wird, sondern auch ein Beleg für die Qualität unserer Arbeit.

Ganz besonders → Axel Rietentiet, dem Kronprinzen des Märchens.
Das ist richtig. Er hat zunächst eine wundersame Rückrunde in der Saison 2013/14 spielen lassen und uns den Klassenerhalt gesichert. Dann wurde diese Leistung mit dem Aufstieg veredelt. Wenn ein Trainer in eineinhalb Jahren fast 90 Punkt holt, hat er sehr vieles richtig gemacht und es zeigt einfach seine Qualität, die er für diesen Job mitbringt.

Waren Sie sich bei Rietentiet sicher, dass er die richtige Lösung sein würde?
Ja, eigentlich schon. Dabei war es zunächst fraglich, ob wir ihn überhaupt bekommen würden. Auch andere Vereine signalisierten Interesse an ihm. Am Ende war es der von uns frisch beurlaubte Trainer Axel Giere, der half, den Nachfolger vom seinem Ex-Verein zu überzeugen. Das muss man sich mal vorstellen. Ein Vorgang der im heutigen Fußballgeschäft wohl nicht alltäglich ist. Das spricht zum einen für die Person Axel Giere, der mittlerweile als Co-Trainer zum FC Schönberg zurückgekehrt ist, aber auch für das Klima im gesamten Verein.

Der FC Schönberg ist nun die Nummer drei in Mecklenburg-Vorpommern. Wie nah ist man an der TSG Neustrelitz dran?
Da sind wir noch sehr weit weg. Die TSG liegt in vielen Belangen weit vorne, bekommt zudem ein schickes Stadion mit der Unterstützung der Stadt. Dahin fehlt uns noch einiges.

Mit Wismar und Schwerin gibt es weitere ambitionierte Teams in Mecklenburg-Vorpommern. Trauen Sie diesen Klubs eine ähnliche Entwicklung zu, wie sie der FC Schönberg zeigen konnte?
Das lässt sich aus meiner Perspektive schlecht bewerten. Ich habe keinen Einblick in die genaue Arbeit der Vereine, kann also nur mutmaßen, womit ich mich aber zurückhalten werde. Allerdings glaube ich, dass Schwerin mitsamt dem Sportgymnasium und dem wirtschaftlichen Umfeld die Chance besitzt, einen ambitionierten Weg zu gehen. Wie schwer das ist, zeigt aber der Umstand, dass sie in der vergangenen Spielzeit den Aufstieg in die Oberliga verpasst haben.

Hannes Hilbrecht

Hannes Hilbrecht schreibt und schrieb nebenbei für ZEIT ONLINE, NDR.de und den Berliner Tagesspiegel. Füllt ein Marketing-Magazin mit Liebe (GrowSmarter.de) Und er liest eine spannende Case Story genauso gerne wie den neuen Roman von Ralf Rothmann.