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„Die schwerste Zeit, die ich als Fußballfan je hatte“

Musiker, Fan vom FC St. Pauli und jemand, der versucht, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen. Wir sprachen mit Kettcar-Frontmann Marcus Wiebusch am Rande eines Solo-Konzerts in Rostock und befragten ihn zur Lage seines Lieblingsklubs. Mit dabei: Die Perspektive sich selber für den Verein zu engagieren, sein guter Freund Oke Göttlich und seine erste Begegnung mit Ewald Lienen.

 

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Herr Wiebusch, wir sprechen Sie vor Ihrem ersten Konzert der laufenden Tour. Ist das ähnlich wie beim ersten Saisonspiel eines Fußballteams, das nicht so recht weiß, wo es genau steht?
Das kann man so sagen. Ich bin auch aufgeregter als sonst, da wir nicht genau wissen, wie wir drauf sein werden. Ich kenne zwar meine Band und wir haben schon im letzten Jahr zusammen gespielt, ein paar Fragezeichen gibt es jedoch immer. Und eigentlich muss man sagen, dass dieses Konzert auch zum Teil einer Vorbereitung gehört.

Wie meinen Sie das?
Wir treten demnächst auf einem großen Festival in Hamburg auf und damit wir vor Livepublikum eingespielt sind, haben wir vorher noch zwei Konzerte terminiert. Das machen andere Bands genauso, und ich finde, dass es der richtige Weg ist.

Es gibt ja bei Fußballern auch verschiedene Bühnen. Andere mögen es in den großen Arenen, andere wiederum fühlen sich auch vor einem kleineren Publikum wohler. Wie ist das bei Ihnen?
Der Vorteil einer kleinen Bühne ist auf jeden Fall, dass die Zuschauer hauptsächlich wegen uns da sind. Bei großen Festivals, wo unzählige Bands spielen, teilweise auch große Headliner, für die fast alle gekommen sind, ist es schwerer. Da steht man vor zehntausenden Zuschauern, die deine Musik nicht kennen aber trotzdem von dir unterhalten werden wollen. Es gibt deutlich angenehmere Gefühle.

Eine größere Bühne haben Sie mit Ihrem Song→  „Der Tag wird kommen“ erreicht. Dabei geht es um einen schwulen Fußballer, der seine wahre Identität verstecken muss, weil das Fußballgeschäft vermeintlich noch nicht reif genug für Coming Outs ist. Der Song erschien vor einem Jahr. Wie fällt Ihre Replik aus?
Es gab sehr viele positive Kritiken, die mich sehr gefreut haben. Darunter ganz besonders die Statements von meinem Bruder, der offen homosexuell lebt, und Schwulen- und Lesbenverbände, die den Song richtig gefeiert haben. Was mich überrascht hat, war die Kritik aus einer Ecke, aus der ich sie nicht erwartet hatte.

Meinen Sie die aus der eigenen, eher linksorientieren Ecke?
Ja. Ich wurde als Pseudomoralist bezeichnet, der sich nur profilieren wolle. Andere wiederum merkten an, dass dem Text der Humor fehle. Aber wie soll man diesem Thema mit Humor begegnen? Und außerdem: Homophobe Vollidioten sind nun einmal das, als was ich sie im Song bezeichnet habe. Nämlich Vollidioten.

Unzählige Bundesligisten spielen den Song im Stadion, auch in der zweiten Liga läuft er in Stadien. Hatten Sie das erwartet?
Das habe ich ganz und gar nicht erwartet. Deshalb freut es mich umso mehr. Aber ganz ehrlich: Ich bin jetzt nicht jemand, der recherchiert, wo genau und wie oft mein Song in welchem Bundesligastadion lief.

Ein Sechstligist in Rostock spielt den Song auch ab und an. Das ist ja auch eine Form von Feedback.
Das ist richtig. Das Lustige ist ja: Ich habe den Präsidenten des Vereins auf einer Party in Hamburg getroffen. Er sagte mir, wie toll er den Song finde und das er bei Spielen ab und zu laufen würde.

Viele St. Pauli-Fans finden auch → Ewald Lienen klasse. Haben Sie sich auch gefreut, dass St. Pauli einen Trainer geholt hat, der mit seinem sehr sozialen Gemüt und seinen klaren Positionen bestens zum Kiez-Klub passt?
Ich kann nur bestätigen, dass Ewald Lienen bei den Fans sehr geschätzt und beliebt ist. Es ist nicht nur das, was er sagt, sondern auch die Art wie er das tut. Man nimmt ihm das alles ab. Er wirkt authentisch und aufrichtig.

Haben Sie schon mit Ihm sprechen können?
Ja, einmal ganz kurz. Im Rahmen unseres Dankeschöns für die erfolgreiche Sammelaktion für das Video zu der „Tag wird kommen“ haben wir drei Wohnzimmerkonzerte gespielt, eines davon in einer Faneinrichtung vom FC St. Pauli. Wir waren schon mit dem Konzert fertig, als Ewald Lienen um elf Uhr abends auf einmal in die Räumlichkeiten kam. Er sagte, er sei gekommen, um das Konzert zu sehen. Er finde meinen Song so klasse. Da das Konzert beendet war, ergab sich eine kleine Plauderei. Dass es kein tiefsinniges Gespräch wurde, überraschte mich nicht. Denn wie zu erwarten, standen sofort zwanzig Leute um uns herum.

Wie nah geht Ihnen eigentlich die momentane Krise?
Sehr, sehr nah. Das belastet mich richtig. Es ist vielleicht die schwerste Zeit, die ich als Fußballfan je erlebt habe.

Man könnte doch sagen: Der FC St. Pauli bleibt auch in der dritten Liga der FC St. Pauli.
Das mag sicherlich richtig sein. Aber ich sage dir jetzt das, was du als Rostock-Fan auch sagen wirst: Dieser Verein gehört einfach in die erste Liga. Und jeder kann sich denken, wie lange das dauern wird, wieder die Chance auf Bundesligafußball zu bekommen, wenn man erst einmal in die dritte Liga abgestiegen ist. Außerdem will ich nicht, dass → Oke Göttlich derjenige ist, der als Präsident mit dem Verein absteigt.

Er kommt ja auch aus der Musik. Kennen Sie sich?
Wir sind Freunde. Er war einer der großen Unterstützer als ich gemeinsam mit Thees Uhlmann unser Label Grand Hotel van Cleef gegründet habe. Als ich zuletzt einen Hamburger Musikpreis verliehen bekam, hat Oke die Laudatio auf mich gehalten. Er ist ein ganz feiner Mensch, der so viel Herzblut in den Club steckt. Er hat es einfach nicht verdient, dass der FC St. Pauli unter ihm absteigt.

Und kennen Sie eigentlich → Frank Goosen? Der ist als Buchautor und Heißblutfan Aufsichtsrat beim VfL Bochum geworden. Wäre das auch für Sie denkbar, aktiv beim FC St. Pauli zu werden?
Das ist eine schwierige Frage. Ich habe eine solche Hochachtung vor Oke und seinem Vizepräsidenten Reinher Karl, der auch ein guter Freund vor mir ist, und das teile ich ihnen auch immer wieder mit. Sie tun alles dafür, dass der Verein bald wieder prosperiert und vielleicht in naher Zukunft wieder Bundesligafußball spielt. Und bei mir ist es eben so: Wenn ich vor Leuten Hochachtung habe, dann kann ich mir prinzipiell immer vorstellen, mich auch einmal so wie sie aktiv einzusetzen. Aber momentan ist das überhaupt keine Option. Ich bin so in der Musik eingebunden und ich weiß gerade durch den Kontakt zu Oke Göttlich, wie viel Zeit so ein Engagement in einer festen Funktion verschlingt. Das können sich viele gar nicht vorstellen, wie viel Aufwand dahintersteckt. Und momentan fehlt mir dafür einfach die Zeit.

Schaut man sich Ihre Tourdaten an, fällt auf, dass sie nach den ersten Aufritten im Mai keine weiteren Konzerte spielen. Hat es was mit dem spannenden Saisonendspurt in Hamburg zu tun?
Wenn ich ehrlich bin – ja, da ist gar nicht so falsch gedacht. Ich habe mich nämlich mit Absicht für keine weiteren Gigs nach dem Monatsbeginn entschieden, weil ich mit dem  Kopf voll beim Fußball sein möchte.

Hannes Hilbrecht

Hannes Hilbrecht schreibt und schrieb nebenbei für ZEIT ONLINE, NDR.de und den Berliner Tagesspiegel. Füllt ein Marketing-Magazin mit Liebe (GrowSmarter.de) Und er liest eine spannende Case Story genauso gerne wie den neuen Roman von Ralf Rothmann.